Ich liebe diese Tage - Kris

Blog Marie

Dampfdialog zwischen Mutter und Sohn

Im Zug:

 

Sohn:            

"Du Mami, warum bekommt man (schaut mich durchdringend an) Falten?"

 

Mutter:         

"Tja, wenn man älter wird, wird die Haut müde und sie hat weniger Flüssigkeit in den Zellen darunter gespeichert." 

 

Sohn:            

"Aha.." (schaut mich immer noch intensiv an)

 

Zwei Tage später:

Der Sohn muss die Geschirrwaschmaschine ausräumen.

Beim Öffnen der Tür dampft es ihm entgegen.

 

Sohn:            

"Du gäll, Dampf ist doch gut für die Haut!?"

 

Mutter:         

"Ja, das stimmt. Warum fragst du? 

 

Sohn:            

"Dann solltest du hier stehen und die Maschine ausräumen..."

 

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Rote Lackschuhe, Erdbeertörtchen und ein Schaumbad

Im September, wenn sich die Blätter verfärben und die Sonne noch mild und gütig die Tage wärmt, erinnere ich mich an unsere Geschichte. 

 

1996 war meine Tochter Rahel gerademal einen Monat alt, als ich mit meinem ersten Mann und unserer Schaffhauser Band die Proben wieder aufnahm und per Inserat einen neuen Gitarristen suchte. Ein Matthias meldete sich auf die Anzeige und betrat unspektakulär das verqualmte Übungslokal und mein Leben. Sein Gitarrenspiel und die Formation passten nicht zusammen. Wir verabschiedeten uns auf Nimmerwiedersehen, obschon dieser Typ anders, als alle Musiker und Männer, die meinen Weg bisher gekreuzt hatten, ziemlich Eindruck auf mich gemacht hatte. Was sollte ich mich länger mit ihm aufhalten? Ich war auf dem Weg zu heiraten und eine kleine Familie zu gründen. Und Matthias hatte gerade seine Frau aus Australien eingeflogen.

 

1999 bin ich in der Altstadt dem Gitarristen zufällig wieder über den Weg gelaufen. Ich führte die dreijährige Rahel an der Hand und ihre schönen, neuen roten Lackschuhe spazieren. Mutter und Tochter waren im Begriff sich ein Leben zu zweit einzurichten und auf Wohnungssuche. Das Familienprojekt war gescheitert. Matthias bewunderte beim Small Talk auf der Gasse Rahels Schuhe und berichtete by the way, dass seine Frau wieder nach Australien zurück gekehrt war und er einiges mit den internationalen Scheidungspapieren zu tun hatte. Ich freute mich aufrichtig, Matthias zu sehen, schlug aber sein Angebot, in die grosse Wohnung mit Rahel zur Untermiete einzuziehen, aus. Das Scheitern der Ehe nagte heftig an mir und ich brauchte Zeit, die auseinandergeflogenen Teile wieder zusammenzufügen und mich auf eigene Beine zu stellen. Aber ab und zu gemeinsam zu musizieren, konnte ich mir gut vorstellen.

 

Im Sommer 2000 organisierte ich an meinem Arbeitsort Lindli-Huus Schaffhausen einen Kulturherbst. Beim gemeinsamen Musizieren hatte mich Matthias' virtuoses Gitarrenspiel längst verzaubert. Es lag nahe, dass er sein Abschiedskonzert im Lindli-Huus geben sollte. Er war nämlich auf dem Sprung nach Solothurn, um dort einen Neuanfang zu wagen. Für ein-zwei Lieder plante er mich als Sängerin ein und so kam es, dass er öfters in unsere Zweifrauen-mit-Kater-WG zum Proben vorbeikam. Einmal stand die kleine Rahel im Türrahmen und bemerkte: „de Matthias mues do wohne!“ Uns Erwachsenen liefen die Wangen bis zum Haaransatz dunkelrot an. Keiner wusste von den widerspenstigen Gefühlen des andern. Als mich Matthias an einem heissen Juli-Tag in der Mittagspause bei der Arbeit mit zwei Erdbeertörtli in der Hand überraschte, klopfte mein Herzli bis zum Halszäpfchen. Auf der Sonnenterrasse zwang ich mich zu essen, um ihn nicht zu enttäuschen, aber mir war überhaupt nicht nach dem süssen Gebäck. Ich war total verlegen und es wurde kompliziert. Bestimmt waren meine Ohren röter als die Erdbeeren unter dem Geléeguss.

 

September 2000: Mit den roten Ohren und der Verlegenheit Matthias’ gegenüber arrangierte ich mich mit der Zeit. Sein Platz in meinem Leben war der eines liebgewordenen Freundes. Mehr sollte nicht. Einen Freund darf man um einen ungewöhnlichen Gefallen bitten. Denn in Wellen überfielen mich Scheidungskoller und das Hickhack um das Sorgerecht. Das normale Prozedere halt, wenn Paare sich entlieben und Eltern bleiben. Ich liebe es zu baden, wenn es mir nicht gut geht. In meiner Wohnung gab es jedoch nur eine Minidusche. So fragte ich Matthias an einem kinderfreien Septemberabend scheu an, ob ich bei ihm ein Wohlfühlbad - nur ein Bad, ich schwöre! – nehmen dürfte. Logisch, meinte er, öffnete seine Wohnung und zeigte mir sein Badezimmer. Er selber zog sich diskret ins Wohnzimmer zurück und klimperte auf seiner Klampfe. Im Bad heulte ich Rotz und Wasser wegen der gescheiterten Ehe, meines halbangepatzten Lebens und machte mir Gedanken über die Zukunft mit der Kleinen. Das ganze Selbstmitleid-Programm, das es ab und zu braucht, um wieder auf den Boden der Realität abzusinken, spulte ich ab und konnte mich darin richtig entspannen. Später tappte ich (angezogen !) ins Wohnzimmer, mich zu bedanken und schleunigst zu verabschieden, um das aufgeräumte Wohlgefühl nicht zu verpuffen und fand vor der Badezimmertür ein Kerzlein brennen.

 

Auf dem Nachhauseweg war es um mich geschehen. Wer mich in meinen heiligen Bedürfnissen respektiert, mir meinen Raum lässt, und diesen sogar mit einem Lichtlein erhellt, ist eine aufmerksame Seele. Boah! Ich radelte nach Hause und gestand mir ein, dass es mich volle Kanne erwischt hatte. Nach diesem Abend sträubte ich mich nicht mehr und liess zu, was seinen Lauf nehmen wollte. Wir trafen uns danach öfters und liessen trotz aller Vernunft (er auf dem Weg in eine andere Stadt, ich mit einem Kind an der Hand, dem beachtlichen Altersunterschied, der möglichen Bedenken meiner, seiner Familie..) zu, uns richtig deftig ineinander zu verlieben. Unter einem majestätischen Baum in Schaffhausen küssten wir uns zum ersten Mal und gaben unserer Geschichte die Erlaubnis, geschrieben zu werden.

 

Heute, siebzehn Jahre später, anerkenne ich, dass Grosses nicht aufgehalten werden kann. Der Tod nicht, die Geburt eines Kindes nicht und die Liebe nicht.

 

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Mein Kind ist ein Einhorn

„Always be yourself unless you can be an unicorn!“,  zieren Postkarten, Kaffeetassen, Badezusätze und schwemmen den Geschenkartikel-markt für die beste Freundin. Nicht nur Mädchenherzen schlagen höher beim Anblick des Fabelwesens, sondern auch gestandene Frauen lassen sich davon verzaubern. Ich bin seit 2016 Mitglied der Online Plattform Charismatic Female Leadership, also bei den charismatischen Führungsfrauen. In diesem Club geht es um Vernetzung und Sichtbarkeit im Business. Als Autorin und Sängerin hilft mir dieses gegenseitige „Boostern“, insbesondere in den sozialen Medien, enorm. Unser Logo: Ein Einhorn! Unser Credo: „Sei immer du selbst, ausser du kannst ein Einhorn sein!“

 

Ich fand dies zu Beginn originell, kühn und witzig, liess mich vom Glimmer und der Leichtigkeit des Einhorns betören. Es gab dem Business etwas Ladylikes und nahm ihm die männliche (sorry Männer, schon wieder ...) Verbissenheit. Frau darf erfolgreich, einzigartig, selbstbewusst, glamourös und etwas magic sein. Ich war also ganz in diesem neuen Frauen-im-Business-aber-verspielt-Modus, als mich zu Fasching meine Tochter mit einer Bildnachricht überraschte. Auf dem Selfie sah ich mein erwachsenes Mädchen vor dem Spiegel im Einhorn-Kostüm.

 

„Ei! Mein Kind ist ein Einhorn!“,

 

kam es spontan über meine Lippen und durch den WhatsApp Kanal zu meiner Tochter.  Ich war richtig entzückt, dass wir uns plötzlich über das Fabelwesen auf einer zusätzlichen, neuen glimmer-magischen Ebene trafen. Fortan galoppierten Einhorn-Witze-Bilder-Clips-Gadgets flott zwischen Luzern und Bodensee hin und her und es wurde unser Mutter-Tochter-Pling-pling-pling.

 

„Was ist es, dass gestandene Frauen und konsumkritische Jungpolitikerinnen von diesem kitschigen Fabelding entzückt sind? Aus welchem Himmel fallen plötzlich alle diese Einhörner?“, habe ich mich diesen Sommer gefragt, als aufblasbare Einhörner auch Schwimmbäder und Seen bevölkerten.

 

Beim Spaziergang durch die Zuger Innenstadt zog mich ein pink-glitzeriges Schaufenster magisch an.  Auf dem Schild, das von einem Rudel Strick-, Plastik-, Plüsch und Glaseinhörnern umrahmt war, stiess ich auf eine mögliche Erklärung:

 

„Das Einhorn ist das Tier der Intuition, des Hellsehens und der umfassenden Wahrnehmung. Mit seinem Horn stellt es den Kontakt zu anderen Ebenen und Dimensionen her und ruft dich auf, in dein Innerstes zu blicken und deine inneren Ressourcen voll zu entfalten und innen und aussen in Einklang zu bringen. Transformation ist ein weiteres Schlagwort das Einhorn betreffend, das dich auffordern möchte, alles Alte und nicht mehr zu dir Gehörige gehen zu lassen.“ 

 

Diese Zuordnung stammt eindeutig aus der esoterischen Ecke. Doch die Sehnsucht nach einer neuen Mystik, nach Sinn und Übersinn hat den Mainstream längstens und breitest erfasst. Das Alltagstempo ist erbarmungslos, die Nachrichten von Krieg, Vertriebenen und einem möglichen ökologischen Kollaps gehen an die Substanz. Mir geht es so, dass ich der schweren Kost etwas entgegensetzen oder drauf setzen muss. Vielleicht ist das Einhorn ja wie das Schnäpschen nach einem deftigen Fondue? Es hilft zu verdauen, macht den Kopf tüdelig und zaubert der Runde ein seliges Grinsen ins Gesicht.

 

Das Einhorn hat auf mich einen Lady-Di-Effekt. Beides verzaubert mich. Beides kommt aus einer fernen, heilen Märchen-Welt, ist massentauglich und gestattet mir, mich kitschig auszustatten und gefühlsduselig zu benehmen. Als Lady Diana verunfallt war, heulte ich mit Millionen Menschen auf der Welt gleichzeitig Rotz und Wasser, obwohl kaum jemand die Frau persönlich kennen gelernt hatte. Lady Di und das Einhorn rühren einen Teil in mir an, der an das Schöne und Gute und Heile glauben möchte. Wie es scheint bin ich nicht die einzige.

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Männer (zwei)

In meinem Männerüberdruss begab ich mich auf die Suche nach einer männerfreien Arbeitszone. In einem Frauenbüro wurde mir ausgerechnet der Platz vis-à-vis eines Kerls zugewiesen (siehe Männergeschichte eins). „Geht gar nicht!“, dachte ich mir, radelte konsterniert nach Hause und stellte mir die Fragen:

 

„Warum sollte ausgerechnet ICH diesem Kerl Karl gegenüber zu sitzen kommen? Und was hat die Männer-Overdose in meinem Leben mit mir zu tun? Es muss mit mir zu tun haben!“

 

Da ich an das Gesetz der Resonanz glaube, das besagt, dass alles, was im Aussen auf mich zukommt, immer mit mir und meinem inneren Drama zu tun hat, nahm ich mir vor, Karl als Symbol, wofür Männer und das männliche Prinzip in meinem Leben stand, zu nehmen und darüber als Hausaufgabe gründlich nachzudenken. Nicht zuletzt auch, weil mein Liebster bemerkte:

 

„So, jetzt ist aber Mal gut mit dem Gestöhne über uns Männer!“

 

Ich begann meine Gefühle, Gedanken und Äusserungen scharf zu beobachten und zu reflektieren und bin zu folgenden Einsichten gekommen: Das System meinte es in den letzten Jahrhunderten nicht gut mit den Frauen. Alle Macht gehörte dem Patriarch. Folglich fühlte ich mich als Frau als Verliererin der Gesellschaft. Ich kam mir auf die Schliche, dass ich ein ziemlich einseitiges Männerbild hatte: Männer wollen immer recht haben, sie hören nicht zu, behaupten etwas, ohne genau zu wissen, was Sache ist, haben ein übersteigertes Selbstwertgefühl, sie konkurrieren, streiten und lieben es, sich zu messen. Männer sind nicht in der Lage, sich in eine andere Person einzufühlen. Intuition ist ihnen ein Fremdwort. Und Männer müssen immer siegen. Um gehört und wahrgenommen zu werden, muss man mit oder gegen Männer kämpfen.

 

Kein Wunder konnte ich mich mit diesem Männerbild in meinem Haus nicht entspannen! Ich war immer in Kampf- und Abwehrstellung, um mein Territorium und meine Anliegen zu verteidigen.

Als mir das bewusst wurde, bin ich übel erschrocken.

 

Diese Tage hatten sich Vater und Sohn wieder einmal heftig „die Kutteln gewaschen“, wie wir in der Schweiz zu sagen pflegen. Sie brüllten sich wegen des Konfliktes Number One, dem Medienkonsum, an und steigerten sich in einen verbalen Schlagabtausch. Jeder beharrte auf sein Recht, wollte den verbalen Fight gewinnen. Kurz bevor es handgreiflich wurde, machte Sohn auf dem Absatz kehrt, schlug die Tür hinter sich zu und liess den verdatterten Vater zurück. Er tat mir richtig Leid und ich sagte aus einem Impuls heraus:

 

„Ich finde es bedauerlich, dass es um Macht und Gewinnen und nicht um die Beziehung zwischen Euch geht. Ich wünschte du hättest eine weichere Haltung für die Bedürfnisse deines Sohnes und ihr würdet es hinkriegen, Eure Standpunkt zu formulieren ohne Euch an die Gurgel zu springen.“

 

In dem Moment, als die Worte über meine Lippen kamen, wurde mir bewusst, dass auch ich einen weicheren Blick auf meine Männer bekommen sollte. Dass hinter dem Machtkampf ein normaler Ablösungsprozess des Sohnes und ein übernommenes, altes Rollenmuster des Vaters steckten, aber bestimmt nicht mangelnde Liebe und Wertschätzung.

 

Mein Männerbild entsprang einer längst überholten Denke, ich war bis vor kurzem gefangen in einer einfachen Frauen-sind-so-und-Männer-sind-so-Sicht. Wenn ich jetzt meinen Tunnelblick weite – schau an: Ich sehe Väter, die ihren Babys den Hintern sauber machen, die Teilzeit arbeiten und Hausarbeit übernehmen, sich sozial und ehrenamtlich engagieren und im Kino weinen. Diese Tage hat mich ein Mann in einer höheren, öffentlichen Position sehr überrascht. Er stellte sich die Frage, ob er an der richtigen Stelle wäre und schrieb mir in einer Mail:

 

„Ich möchte achtsam auf meine Intuition hören, dann wird es sich zeigen!“  Wow!

 

Auch sollte ich meinen Einfluss auf meine männliche Gesellschaft nicht unterschätzen. Neulich haben wir an einem Sonntagabend alte Videos von unseren ersten Familienjahren angeschaut. Wie zärtlich und liebevoll ich den Söhnen zugewandt war! Natürlich auch dem Mädchen. Mir wurde die Macht bewusst, welchen Einfluss wir Mütter auf unsere Söhne haben. Wir Frauen können neue Werte des Menschseins und Miteinander mit auf den Weg zu geben. Mein Mann schätzt es, wenn ich aus meiner eher empathischen, weiblichen Perspektive Konflikte betrachte und ihn unterstütze, weichere Lösungen zu finden. Ich höre Männer, die sich mehr Zeit für sich selber und ihr soziales Umfeld wünschen. Sie möchten ihr Leben nicht mehr nur der Karriere und der Knechtschaft einer Firma opfern wie einst ihre Väter.

 

Fussball, der seit nunmehr sieben Jahren unseren Familien-Wochenplan taktet, verändert auch wie ein steter Tropfen meinen sturen Stein. Es hat mich neuerdings eine Faszination gepackt, jedes Spiel aus einer „energetischen“ Sicht zu betrachten. Die Spieler verschmelzen zu einer Einheit und funktionieren als Schwarm. Ich bin sogar mittlerweile hingerissen, mit allen meinen Sinnen zu beobachten, wie jeder Match eine eigene Intelligenz, Logik und „Schwingung“ hat, die nichts mehr mit männlich-herb und Testosteron zu tun hat, sondern mit Feinsinn und grosser Ästhetik. Ich lerne dazu!

 

Frauen haben heute mehr Chancen, sie sollten sie selbstbewusst ergreifen. Ich habe von meinem Männer-Umfeld gelernt, mehr Ehrgeiz für meine Ziele zu entwickeln, fokussiert darauf hin zu arbeiten und weniger Zeit damit zu verschwenden, mich auf dem Weg mit Baustellen oder Sorgen anderer Menschen aufzuhalten. Solidarität ist ein edler Zug. Massvoll ist sie gesund. Bisher war mir das ewige Reiben und Messen unerträglich. Doch neuerdings betrachte ich es wie ein Schleifen eines Rohdiamanten. Erst durch Bearbeitung kommt er zur Brillanz. Diesem Bild kann ich sehr viel abgewinnen. Und schliesslich fällt einem Erfolg nicht einfach in den Schoss. Frau muss schon etwas dafür tun.

 

So betrachtet bin ich Karl (vielleicht sollte ich mich bei ihm zu erkennen geben und ihn wissen lassen, wofür er hinhalten muss J... ) dankbar, dass er mir die Augen geöffnet hat. Wir leben in einer neuen Zeit und sind frei die alten Rollenzöpfe abzuschneiden. Meine Erfahrung ist; sobald ich eine einseitige, sture, beschränkte Sicht weite oder verschiebe, verändert sich auch etwas im Aussen. Ist es nicht ein bemerkenswerter Zufall, dass zum Schluss eine Maler-Frau auf unserer Haus-Baustelle erschienen und eine Perkussionnistin zur Band gestossen ist!? Und dass jetzt mein Zug des beruflichen Erfolges Fahrt aufnimmt, jetzt wo ich mich nicht mehr als Opfer der Männer betrachte?

 

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Männer (eins)

Seit meine Tochter ausgezogen ist, werde ich von Fussball, Wrestling, zu erreichenden Umsatzzahlen und Wirtschaftswachstum, herben Duftnoten, Leistung und Kampf platt gewalzt. Doch doch – es gibt wunderschöne Familienmomente mit Mann und Söhnen. Aber es gibt Tage, da platzt mir der Kragen bei all der Reiberei und Besserwisserei. Ich fühle mich fremd in meinen vier Wänden und dominiert von Männerthemen. Seit der Ältere volle Kanne in der Pubertät steckt, mit dem Vater verbale Gefechte austrägt und beim Jüngsten es eine Frage der Zeit ist, bis er mitzieht, möchte ich manchmal nur noch flüchten. 

 

Ich wurde kürzlich gefragt, was mein roter Faden im Leben sei. Aus der Pistole geschossen kommt es: das Schreiben, die Musik und die Männerdominanz. Als Kind haben mich zwei streitlustige und laute Brüder klein gehalten. Ein übermächtiger Grossvater gab den Ton an im Mehrgenerationenhaus. Die wesentlich älteren Schwestern, die mir Schützenhilfe hätten geben können, waren früh ausgezogen. In meinem Erstberuf schlug ich mich mit sturen Vorgesetzten herum. Und seit ich Bandmusik mache, wer sind wohl die Mitmusiker? Zu 99 Prozent Männer! Mit ihren Befindlichkeiten, herben Sprüchen, unterdrückten Aggressionen, Saufgelagen, bis zum Anschlag aufgedrehten Verstärkern und Gockelgehabe. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis ich bei dem verstärkten Lärm zu meiner wahren Stimme und Musik gefunden habe. 

 

Meinen Exkurs in die Politik habe ich ganz schnell aufgeben. Bevor ich überhaupt meine Herzensanliegen vorbringen konnte, musste ich mich immer erst durch einen Männerwall durcharbeiten und Frauensolidarität ... – seufz – ach Schwamm drüber! So wie ich die Welt verstehe, wie ich mich ihr verbunden und verpflichtet fühle, dafür fehlen mir heute noch nüchterne Fakten und die nötige Schlagfertigkeit, um mich mit einem rationellen Geist zu duellieren. 

 

Seit ein paar Monaten schreibe ich einen Tag ausser Haus in einer Bürogemeinschaft an meinen Buchprojekten. Meine Bürokollegen? Männer! Mit der Haussanierung gesellten sich zu den Familienmännern, den Bandmusikern und den Bürokollegen über zehn Handwerker, die bis im Herbst täglich bei uns ein- und ausgehen werden und meinen Alltag takten. Es sind alles feine Menschen. Keine Frage! Aber diese Männer-Overdose muss ausgeglichen sein, sonst komme meine feinsinnige und komplexe Frauenseele völlig unter die Räder. 

 

Ich begann ausgiebig mit Freundinnen abzuhängen und mit der Tochter zu verreisen. Zum Glück kann ich mich auch in einem Chörli entspannen. Die Chorleiterin runzelt zuweilen zwar die Stirn und die wenigen Männer hüsteln nervös, wenn wir im Alt herumalbern. Aber wenn die wüssten, wie heilsam für mich dieses fröhliche Frauengeschnatter ist diese Tage! Mir ist jetzt auch sonnenklar, warum ich eine Frauensaga schreibe. Im lauten Männergedöns ist es schlicht DAS Medium, der Frauenseele auf die Spur zu kommen. 

 

Apropos Schreiben: Ich habe mich ausser Haus nach einem Arbeitsplatz in einem Frauenbüro umgeschaut und bin tatsächlich fündig geworden. Das Schnuppergespräch mit der Hauptmieterin lief verheissungsvoll an. Es würde in der Frauenagentur auf Oktober ein Platz frei werden. Design, Kommunikation, Kultur, die lichtdurchfluteten, grossen Räume, das empathische Gespräch, mein Herz machte Vorfreudesprünge. Das würde meinen Geist beflügeln, ich würde mich entspannen können. 

 

Bei der Besichtigung des Schreibtisches platzte die Illusion: Die Person, die mir direkt gegenüber sitzen würde, sei ein Mann, der einzige. Das vergass sie eingangs zu erwähnen. Karl hatte sein Territorium klar markiert. Sein Schreibtisch war ein Parkplatz für Modellautos. Wuchtige Möbel und überdimensionale Lettern einer Automarke deklarierten klar, wofür sein Herz schlägt. Über allem prangte ein gigantisches, sexistisches Plakat einer prominenten Schauspielerin an der Wand. Mein Blick beim Schreiben würde also über Männerkram und die Traumfrau des Kollegen schweifen und die Pausengespräche würden sich um Motoren, Leistung und Protz drehen. Mir fiel die Kinnlade herunter. GENAU DAS brauche ich NICHT!

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Grenzerfahrungen

Meine Sinne sind Mimosen. Wenn einer zu sehr strapaziert wird, geht das grad so durch, aber wenn alle Rezeptorenknöpfe gleichzeitig gedrückt werden, bin ich hoffnungslos überfordert. Dann verliere ich mich und meine Mitte. Mein System schüttet Adrenalin oder was weiss ich noch für Stoffe aus (bin ja keine Medizinerin) und ist in höchster Alarmbereitschaft: Notwehr, Flucht, Überlebenstrieb, Kontrolle wieder herstellen. Ich bin überaus lärmempfindlich, verliere meine Orientierung in Menschenmassen, meine Etepetete-Nase mag am liebsten heile Waldluft und lange Autofahrten am Steuer sind purer Stress. 

 

Ein Campingplatz ist ein Akkumulat von all dem, was mich überfordert. Hinzu kommt, dass ein bisschen Zeltstoff wenig Schutz und Rückzugsmöglichkeit bietet. Aus diesem Grund standen Campingferien auf meiner „Was-ich-noch-alles-im-Leben-erleben-möchte-Liste“ ziemlich weit unten, noch kurz vor den beiden letzten Posten, in einer Metzgerei zu arbeiten oder als Soldatin in den Krieg zu ziehen. 

 

Wie es das Leben so will, haben die eigenen Kinder andere Bedürfnisse als die Eltern. Unsere Buben lagen uns dieses Jahr in den Ohren: 

 

„Bitte! Biitte! Biiiiiiitte! Campingferien!“ 

 

Nach langem Augenrollen habe ich eingewilligt, die Gelegenheit zu nutzen. Unsere Lieblingsnachbarn mieten jedes Jahr am Lago di Lugano eine Parzelle auf einem Campingplatz. Die besuchten wir. Zwei Nächte. Das war der Deal. Mehr traute ich mir einfach nicht zu, ohne vor Reizüberflutung zu kollabieren. 

 

Es war beschlossene Sache. Ein Versprechen einzuhalten, ist für mich Ehrensache, auch wenn es mir einiges abverlangt. Ich behielt für mich, dass ich schon Tage vorher Schweissausbrüche und Herzrasen hatte. Nur schon die Packerei! Was da alles mit muss! Zelt, Schlafsäcke, Proviant, Kühlbox, Geschirr, Gummiboot, Kleider für alle Wetterkapriolen, Badesachen, Spiele... Mangels Campingkocher legte ich Wasserkocher und Sandwichmaker, unsere einzigen und bewährten Küchenmaschinen, auf den Packhaufen. Damit lässt sich prima Kaffee, Tee, Beutelsuppe und warme Panini machen. 

 

Am Sonntag vor der Reise besuchten wir die Grosseltern in Schaffhausen. Nach dem Mittagessen überfielen mich im Wechsel Panikattacken (wegen der Tessinreise) und bleierne Müdigkeit (zwei Wochen Schulferien mit Jungs im Saft forderten ihren Zoll). Ich begrüsste, dass Vater und Söhne ins Freibad wollten. Dies schenkte mir eine Zeitinsel, mich zu sortieren und meine Ohren in Stille zu baden. Der Waldfriedhof Schaffhausen war mir schon immer ein Rückzugsort, wo ich mich regenerieren kann. Ich schob den Gedanken, ob es die Pietät erlaubt oder nicht, auf dem Friedhof zu schlafen, weg und legte mich auf ein lauschiges Bänklein im Schatten. Innert Minuten war ich weggedöst. Eine Frau schubste mich einiges später sanft an und fragte, ob alles in Ordnung wäre. Ich bedankte mich bei der Frau für ihre Fürsorge und dachte beglückt: 

 

„Was ist Schaffhausen doch für ein kleiner, heiler Ort! Man kann sich vertrauensvoll auf einer Waldbank schlafen legen! Jetzt fühle ich mich wieder erfrischt. Meine Welt ist in Ordnung.“

 

Die Energie und Freude hielt eine Nacht. Der Kettensägen-Attentäter versetzte Schaffhausen in einen Ausnahmezustand. Der Täter wäre flüchtig und hielte sich vorwiegend in Wäldern (!) auf. Mein Magen wurde flau, ich bekam Fieber und Schüttelfrost. Meine Nachbarin auf dem Zeltplatz simste nach meinem Bericht über meinen Gesundheitszustand zurück: 

 

„Das ist nur deine Panik vor dem Camping! Ich freue mich auf Dich!“ Küsschen-Emoji.

 

Nach einer kurzen, schlafarmen Nacht war ich dann erstaunlicherweise am Dienstag klar im Kopf und körperlich fit. Während der Vater auf dem Jakobsweg in der Westschweiz pilgerte, machte ich mich mit den zwei Jugendlichen alleine in einem bis unters Dach vollen Volvo auf ins Tessin. Wir sind bei Kälte und Regen los und wurden auf der Südseite des San Bernadino Passes von strahlender Sonne und unserer Nachbarin auf dem Campingplatz mit offenen Armen begrüsst. 

 

Ihre drei Knirpse empfingen uns in Badeanzügen und mit Eisspuren um den Mund. Beste, entspannte Ferienlaune strahlte aus ihren Augen. Die Parzelle hatte Seeanschluss und herrliche Sicht auf die Hügel. Beim Aufstellen der Zelte halfen unzählige kleine Patschhände und Ratschläge von hinzu geeilten Menschen. Es wurde mir schnell richtig fröhlich ums Herz, obwohl wir die Zeltstangen erst falsch montierten und den Aufbau noch einmal von vorne in Angriff nehmen mussten. In einer Stunde hatten wir alles installiert und ich konnte ein erstes, kühlendes Bad nehmen. 

 

Zwei Nächte später sind Campingferien auf meine Bucket List nach vorne katapultiert. Meine pubertierenden Jungs waren so entspannt wie selten. Sie hatten sich rührend um die kleinen Knirpse gekümmert und ausser in der Nacht, wenn es um Platzverhältnisse und Furzabgänge im Zelt ging, NIE gestritten. Der Pool, der direkte Seeanschluss, die Freiheit und Zeitlosigkeit und die vielen Kinder haben mich als Entertainerin überflüssig gemacht. Meine Jungs sind mittlerweile so selbständig, sich aus dem Vorrat selbst zu verköstigen. Ich war nicht dauernd mit der Nahrungsbeschaffung beschäftigt. Meine Kinder brauchten mich nicht. Drei Tage lang. Ich hatte Zeit mit der Nachbarin vollständige Sätze zu reden und habe sonst NICHTS GEMACHT. Dies hat mein hyperaktives System binnen Stunden hinuntergefahren. Mich überraschte es sehr, wie wenig mich die Aussenreize danach stressten. 

 

Am ersten Abend walzte ein Kind meine Sonnenbrille auf der Liegewiese platt. So what!? Die junge Frau im Nachbarzelt spielte pausenlos Ukulele und den Gassenhauer „Over-the-Rainbow“. Die liebste Musik kann zu Folterzwecken eingesetzt werden, wie man aus Guantanamo weiss. Wir haben uns daraus einen Running Gag gemacht. Verkohltes Fleisch macht mir als Vegetarierin zu schaffen. Doch ich wich den Grillgerüchen, die Tag und Nacht zwischen den Parzellen hindurchwaberten, einfach aus. Meine ökologisches Gewissen (geschätzte 70 % des Campingbedarfs besteht aus Plastik) hatte ich für diese kurze Zeit an der Rezeption abgegeben. Eine Partytruppe unterhielt die Nachbarn mit alkoholschwangerem Gelächter. Was ist Ohropax doch für eine segensreiche Erfindung! Das Liebespaar hatte ich dann bei meinem nächtlichen Pinkelgang zum zentralen WC doch gehört. 

 

Unter dem Strich wurde das Campieren nicht zu der Grenzerfahrung, die ich befürchtet hatte. Die drei Tage verliefen wie an der Sonne vergessene Butter auf einem Plastikcampingtisch. Nur eine einzige Begebenheit jagte mir in dieser Zeit das Adrenalin richtig schnell hoch:

 

Mein Sohn lud mich auf eine Gummiboottour ein. Das kommt bei einem Pubertierenden schon fast einer Liebeserklärung gleich. Also stieg ich ein und liess mich auf den See hinaus paddeln. Seinem Alter entsprechend nicht erstaunlich, verliess ihn die Lust, er kündigte es kurz an, sprang mit Kopfsprung ins Wasser und schwamm zum Ufer zurück. 

„Ja dann!“ nahm ich seinen Stimmungswandel zur Kenntnis und das Paddel in die Hand. Im Grunde kam es mir recht, so konnte ich den See und das Boot für mich alleine geniessen. Es waren wirklich nur wenige Minuten: Ich hatte nur tief durchgeatmet, nur kurz die Augen geschlossen und mich treiben lassen. Doch beim Öffnen der Lider staunte ich und mein Puls beschleunigte sich rasant. Der Nordwind und die Strömung hatten mich in Windeseile mitten auf den See geflutet! Weit und breit waren weder Schwimmer, Boote noch Ufer! 

 

Wie immer in heiklen Situationen begann ich ein Selbstgespräch: 

 

„Du warst schon mehr als einmal in Lebensgefahr. Du hast drei Kinder geboren, du weißt, was du aushalten kannst. Also! Du schaffst das! Hallo Panik! Jetzt machen wir es wie immer, gäll! Du bist da, du hilfst mir, Gefahren zu erkennen. Das ist gut so. Aber jetzt schleich dich! Jetzt muss ich denken!“ 

 

Danach konzentrierte ich mich auf meinen Herzschlag. Ich sprach meinem Organ gut zu, dass es sich bitteschön beruhigen soll. Als mein Herz ruhiger und wieder weicher pumpte, appellierte ich an die Logik: Wo ist das nächste Ufer! Wie spare ich Energie? Wie komme ich am besten voran? Und wie kann ich den Gegenwind umgehen?“ 

 

Eine letzte Instanz gab schliesslich die ultimative Schubkraft. Was meine engsten Mitmenschen an mir nicht so sehr mögen, war mir in dieser brenzligen Situation ein Segen. Es gelingt mir, wenn das Widder-Feuer richtig zum Kochen kommt, die Energie zu bündeln und in einem messerscharfen Strahl ein Ziel zu fokussieren. 

 

Ruhig und zielsicher positionierte ich mich zuvorderst im Gummiboot und paddelte um mein Leben. Eine Weile später lief das Boot auf der Wiese beim Zeltplatz auf, von den besorgten Mitmenschen wurde ich wie eine Weltumseglerin mit Jubel empfangen. Knie, Oberarme und Gemüt reagierten, kaum hatte ich sicheren Boden unter den Füssen, mit heftigem Zittern. Das anschliessende fröhliche Pizzaessen und der Tessiner Merlot besänftigten die flattrigen Nerven wieder. 

 

Ich brauche Grenzerfahrungen nicht, suche sie bestimmt nicht freiwillig. Doch jedes Mal, wenn ich über meine Komfortzone hinausgehe und erfahre, dass es möglich ist, die eigenen Schranken zu erweitern, wächst etwas im Innersten. Ich staune immer wieder, welches Potential in uns Menschen schlummert, wie viele Kräfte zur Bewältigung von Situationen mobilisiert werden können. Mich persönlich haben Meditation, Yoga, Psychologie und die neusten Erkenntnisse aus der Hirnforschung in den letzten Jahren in Bezug auf meine Phobien und Abgründe enorm weiter gebracht. Ob den Verrückten mit der Kettensäge Yoga von seiner Tat abgehalten hätte, ist zu bezweifeln. Aber ich stelle die kühne Behauptung auf, dass den vielen überforderten Menschen oder der Gesellschaft im Allgemeinen mehr gedient wäre, wenn Kinder in der Schule weniger Mathematik und Grammatik eingetrichtert, dafür mehr Techniken der Resilienz gelehrt würden. 

 

Ich bin bereits wieder im kühlen Norden, ein warmes Schaumbad hat meinen Kälteschock besänftigt. Meinen Jungs danke ich aufrichtig, dass sich mich zum Camping gedrängt haben. Ich bin wieder um Erfahrungen und Einsichten reicher.  Und.. wir haben für Juli 2018 eine Camping-Parzelle am Lago die Lugano reserviert.

 

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Alles für die Katz

Unsere Katze ist verschwunden. Spurlos. Ohne Ankündigung. Einfach weg. Lenny heisst der Kater, der noch nicht einmal ein ganzes Jahr bei uns gewohnt hatte, bevor er einen Abgang machte. Wir hatten ihn im Sommer 2016 für unseren Jüngsten nach dem Verlust seines ersten Kätzchens Wendelyn ins Haus geholt. Wir brauchten zwei Jahre, um die Bilder und den Schmerz dessen grausamen Todes zu verdauen. Wendelyn hatte sich im Juni 2014 nachts im Kippfenster eingeklemmt, sich losgestrampelt, versteckt und am Folgetag auf unsere Rückkehr von der Wanderung gewartet und sich vor die Haustür gelegt. Der Tierarzt, der zufällig (!?!) vorbeifuhr, befreite es von den Qualen und das Kätzchen durfte in den Armen unseres Sohnes sterben. Es war entsetzlich. Für uns alle. 

 

Und dann eben letzten Sommer. Endlich hatten wir den Mut und die Bereitschaft für einen neuen Fellkameraden. Lenny kam zu uns. Er stammte aus einer liebenswürdigen Familie und einem gesunden Wurf. Der Charmebolzen hat uns alle sofort um den Finger gewickelt. Das ganze Quartier hat er bezirzt mit seiner Verspieltheit und Liebenswürdigkeit. Ich bin auf einem Hof mit Katzen aufgewachsen. Lenny hat sie alle getoppt. Keine Katze vor ihm hat mich so begeistert, wie dieser rote Kater. 

 

Bevor er kastriert wurde, hatte er alle Textilien markiert. Ich habe ihm verziehen! Auch, dass er auf unseren neuen Parkettboden im Wohnzimmer geschissen und gepinkelt hat. Den Holzboden, den ich beschützt und verteidigt habe vor Kindern, Gästen und Trink- und Essgelagen. Ich hatte mich stets wie ein Türvorsteher vor das Wohnzimmer gestellt und die Menschen nur mit Socken und ohne gefährliche Flüssigkeiten oder Proviant durchgelassen. Aber dieser kleine freche Kerl scherte sich einen Deut um meine Regeln und erleichterte sich einfach wonnevoll auf dem Parkett. Die Flecken sind heute noch deutlich sichtbar! Und es zieht mir ein wenig im Herz. Nicht wegen dem verfärbten Holz, sondern weil der Kerl verschwunden ist! 

 

Jetzt sind es bald drei Wochen. Wir sind jeder Spur nach, haben Flyer verteilt, haben Tierarzt und Tierschutzorganisationen informiert. Die Kinder im Quartier sind wachsam. Doch niemand hat unseren roten Kater gesehen. Die Gefühle fahren Achterbahn. Hoffentlich ist er nicht verletzt und leidet. Der kommt schon wieder. Hör auf zu wimmern, es ist ja „nur“ ein Tier. Ein roter Streuner wurde gesichtet: grosse Hoffnung. Nach der erfolglosen Suchaktion: herbe Enttäuschung. Mein Mutterherz leidet mit dem Kind. 

 

Eine Wende in das „Gfühlsgstürm“ brachte ein Telefongespräch mit einer Tierkommunikatorin. Man mag halten davon, was man will: Uns, vor allem unserem Sohn hat es unendlich getröstet! Die Frau kann mit der Seele der Tiere reden. So hat sie am Telefon mit Lenny Kontakt aufgenommen und mir eins zu eins übersetzt, was der Kater ihr einflüsterte. 

 

Lenny sei wohlauf. Es gehe ihm sogar richtig prächtig. Er hätte einfach keine Lust mehr darauf gehabt, der süsse Schmusetiger der Familie zu sein. Er hätte das „Kerlsein“ entdeckt und geniesse die Wanderschaft und das freie Leben. Mit seinem Charme komme er überall zu Futter und Wasser. Vielleicht komme er irgendwann zurück, wenn er seine Freiheit und sein Machogehabe ausgekostet hätte. Aber das wisse er jetzt noch nicht so genau. 

 

Meinem Jüngsten, selber kurz vor der Pubertät, hat diese Botschaft sehr gefallen. Er hat über das ganze Gesicht gestrahlt, als ich ihm vom Telefonat erzählte. Er hat diese ungewöhnliche Kontaktaufnahme überhaupt nicht in Frage gestellt. Im Gegenteil: 

 

„Das beruhigt mich total. Und ich finde es cool, dass jetzt Lenny das Leben erkundschaftet und zum Katzen-Mann wird!“

 

Stilles Haus an Pfingsten

Wie still es im Haus ist! 

 

Nur eine Schmeissfliege, die frustriert immer wieder gegen die Scheibe knallt, macht Lärm. Und mein Löffel, der in der Müeslischale schabt. Ein Sohn ist im Haus, er macht Ramadan im Selbstversuch, um herauszufinden, wie es seinem muslimischen Mitschüler dabei ergeht. Er isst nicht mit mir und lebt zur Zeit sowieso pubertär zurückgezogen in seinem Zimmer. Der Mann ist an einem Anästhesiekongress, der Kleine bei einem Freund zur Champions League Übernachtung. Die Katzen jagen im Garten Schnecken und Insekten. Das Gewitter hat die Luft gereinigt und hat Platz gemacht für den heiligen Geist, der sich an Pfingsten über uns ergiesst. 

 

Ich sitze da und sinniere. Die Schmeissfliege surrt und gibt nicht auf. Das geöffnete Fenster checkt sie nicht, dumme Kreatur...

Und ich freue mich. In wenigen Stunden zieht wieder fröhlicher Lärm ein. Alle kommen am Abend nach Hause zum Raclette. Auch die Grosse reist aus Luzern mit ihrem neuen Freund an. Der macht mich, uns alle etwas chribbelig. Auf dem Foto sieht er sehr sympathisch aus. Aber, was wenn er Donald läss findet oder uns nicht mag?

 

Mit den Freunden der Kinder kommen immer auch andere Ideen, Konzepte und Weltanschauungen ins Haus. Und das ist richtig gut so.

Schamschutz

Beim Überarbeiten von TRUDES Manuskript bin ich über die eine oder andere Textpassage gestolpert, die mir ein ganz klein wenig Schamröte ins Gesicht getrieben hat. Es geht an die Wäsche oder anders ausgedrückt, es kommen sinnliche Szenen vor. Beim Schreiben habe ich mir darüber keine Gedanken gemacht. Im Flow wird einfach niedergeschrieben und wenn sich zwei Menschen näher kommen, passiert es einfach und gehört zur Dramaturgie dazu. Trude ist eine Figur und im Roman sind keine autobiographischen Elemente. Eigentlich hätte ich genügend Distanz zur Geschichte. Und dennoch, wenn ich jetzt lese, wie es bei Trude erotisch wird, keimt eine kleine Verlegenheit auf. Denn:

 

„Was werden die Nachbarin, meine Kinder (!!!) über mich denken, wenn sie mein Buch lesen werden?“

 

Unser Jüngster pflegt, wenn wir alle zusammen einen Film anschauen und sich Paare küssen, die Hände vor die Augen zu schlagen. Es ist ihm peinlich, mit den Eltern Knutschszenen anzuschauen. Ich sehe nichts, also ist es nicht, ist seine Strategie und sein Schamschutz.

 

Meine Freundin kicherte nur, als ich ihr von meiner Scham berichtete und erzählte mir eine Episode aus ihrer Jugend. Ihre Eltern brachten ihr ab und zu das BRAVO Heft vom Kiosk heim. Die interessantesten Artikel aber, diejenigen von Doktor Sommer, wurden von der Mutter vorab mit Leimstift zensiert. Die Aufklärungsseiten waren immer zugeklebt.

 

In einer Rezension auf mein erstes Buch SEEMANNSGARN stand, die Autorin hätte ruhig etwas mehr zur Sache kommen können. Eine andere Leserin bemerkte zur selben harmlosen Szene mit dem Matrosen: "Das zu lesen war mir sehr unangenehm, es war wie durchs Schlüsselloch zu gucken. So viel will ich als Leserin gar nicht wissen."

 

 

Seit ich schreibe und damit in die Öffentlichkeit gehe, bewege ich mich auf dieser dünnen Linie zwischen zu viel (Fremdschämrisiko) und zu wenig (langweilig). Die Schriftstellerei ist wie ein Striptease, ein Spiel mit Offenheit, Reizen und gekonntem Verbergen. Bei Menschen, die ich nicht persönlich kenne ist es mir egal, wie viel ich preisgebe. Es gibt aber bestimmte Personen, bei denen ich aus Verlegenheit erröte, ganz egal ob im richtigen Leben oder über meine Schreiberei, wenn es zu intim wird. Ich möchte auch nicht unbedingt mit dem Gemeindepräsidenten oder einem ehemaligen Vorgesetzten in die Sauna.

 

Ich könnte ja bei gewissen Menschen, die mir nahe stehen, die brisanten Seiten in TRUDE einfach zukleben. Wie die clevere Mutter meiner Freundin. Konkret umgesetzt heisst das aber, dass ich bei einer Lesung nicht nur einen Schreibstift für die Widmung, sondern auch einen Leimstift für die Zensur bereitliegen haben muss. Auch peinlich. 

 

Schreibreisen und Recherche

Eine Freundin fragte mich: „Was machst du denn eigentlich so für Recherchen - alleine (!) - in einer Stadt? Und warum überhaupt Stuttgart?“ 

 

Stuttgart war das Ziel meiner letzten Schreibreise, weil ich dort eine Gesangstunde geschenkt bekommen habe, weil in Stuttgart die Fäden von Marthe und Amber (der ersten und letzten Frau der Bernsteinsaga) zusammen fliessen und ich Lust hatte, eine mir noch unbekannte Stadt zu entdecken. 

 

Ein Übernachtungskit, Bahnkarte, Ausweise, Geld, Wasser und Proviant, der Laptop, ein Notizbuch, das Handy, ein Stadtplan aus Papier (ja! altmodisch ich weiss) und ein Regenschirm finden locker in einem Rucksack Platz. So bin ich mobil und wendig unterwegs.

 

Für zukünftige Geschichten sammle ich und halte fest: Gesehenes, Gefühltes, Gerochenes, Gelauschtes, Ertastetes. In einer Stadt oder an einem neuen Ort lasse ich mich einfach treiben. Da entsteht ein Schnappschuß, dort fange ich ein paar Gesprächsfetzen ein. Ich betaste Mauerwerk, Bäume oder Skulpturen. Meine Nase führt mich den Wohlgerüchen entlang durch Gassen und manchmal auch zu Stinkeplätzen. Ich lausche Tiergeräuschen, Baulärm, Klangteppichen in Bahnhöfen, Stimmen von Menschen. Es kommt vor, dass ich mit der Aufnahmefunktion Sequenzen aufnehme, um mich später wieder an die Szenerie zu erinnern. Ich liebe U-Bahnfahren. Es bringt mich schnell von einem Ort zum anderen und da lässt es sich wunderbar unauffällig Gesichter, Gespräche und Körpersprache beobachten. 

 

Jede Stadt, jeder Ort hat eine eigene Seele. Auf die schwinge ich mich jeweils ein, um die Erinnerung später beim Schreiben anzuzapfen, die Bilder und Stimmungen erzeugen, die Geschichten lebendig machen. 

 

Kaum angekommen in Stuttgart überraschte mich ein Wolkenbruch und ich flüchtete mich in ein Warenhaus, um etwas zu erledigen, was längst überfällig war, ich ungern tue und mit pubertierenden Jungs im Schlepptau äusserst strapaziös ist: Bade- und Unterwäsche anprobieren. Die Wechseljahre überraschten mich und meinen Körper. Ich habe plötzlich andere Proportionen. So sind meine Möpse – soll ich das jetzt hier wirklich schreiben??? Ach was solls!!! – in den letzten Monaten gewachsen und dafür sind andere Stellen geschmolzen.

 

Ich pflückte gleich alles von der Stange, was annähernd passend aussah und probierte mich in der muffig-engen Kabine durch alles – frierend und schwitzend im Wechsel – durch. Meine Kabinennachbarin bekam ich nie zu Gesicht, ich wurde aber gezwungenermassen Zeugin der Konversation mit ihrer Mutter. Die beiden hatten, was Dessous betraf hörbar nicht den gleichen Geschmack. Die Mutter lieferte der jungen Frau fortwährend die falschen Anprobemuster. Mit der Zeit entwickelte sich zwischen den beiden ein veritabler Zicken-Wortkrieg, bis die entnervte Mutter davon lief und die Halbangezogene mit der Bemerkung „Nie kann man es dir recht machen!“ hinter der Gardine stehen liess. 

 

Ich schwor mir in diesem Moment, diesen unwürdigen Satz nie zu meinen Kids oder irgendwem sonst zu sagen und war geradezu froh, mich alleine durch meine Unterwäsche-Beschaffungs-Strapaze ohne ungeduldige Mitmenschen durchzuboxen. Einiges später fand ich mich erleichtert aufatmend in der Einkaufsmeile mit drei Garnituren im Rucksack reicher. 

 

Der Himmel zeigte sich wieder freundlich und ich schleuste mich in den Menschenstrom Richtung Unterkunft ein. Im Mansardenzimmer im Haus der Engel angekommen, trug ich alle Tageseindrücke im Laptop zusammen, liess mich von Tauben umgurren und las im Netz, dass es in St. Gallen Rekordschnee für April gegeben hatte. 

 

Am zweiten Tag traf ich Babette Dieterich zur Gesangsstunde und zu herzhaftem Frauentratsch. In der Kunstausstellung im Kubus inspirierte mich Otto Dix und in der überdachten Markthalle kamen alle meine Sinne so richtig auf ihre Kosten. 

 

In einem wenig besetzten Lokal bestellte ich um drei einen Teller Pasta und ein Glas Rotwein. Am Nebentisch traf sich ein Paar zum ersten Date und ich wurde erneut unfreiwillige Zeugin einer Konversation. Das Gespräch zielte eindeutig darauf ab, die Lage abzuchecken. Als die Kinderfrage auftauchte (bei ersten Treffen!), hätte ich mich liebsten in meine Nudeln verkrochen. Die Details und die funkensprühende Flirterei war mir dann doch eine Spur zu intim. Ich bezahlte schnell und suchte die Flucht. 

 

Auf der Heimreise liess ich wegen des leeren Handy Akkus und eines Mißverständnisses zwei Anschlusszüge verstreichen und wartete eine Stunde lang auf den weissen Volvo meines Liebsten. Die unzähligen, lustigen, inspirierenden und nährenden Eindrücke aus Stuttgart hielten aber glücklicherweise mein Kopfkino am Laufen und überbrückten die Warterei am Perron.

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MENSCHEn, Musik und bücher machen mich glücklich

Mich mit Menschen auszutauschen, ihren Geschichten zu lauschen, erfüllt und inspiriert mich. Beim Musizieren und Singen bekomme ich eine Ahnung von Transzendenz und ich docke mich an das grosse Mysterium an. Beim Schreiben kann ich alles, was mich umtreibt, sortieren und in eine Form bringen. 

 

Die letzte Woche hat ein Höhepunkt den anderen gejagt. Ich bin auf einer Adrenalinwelle geritten. Das Manuskript von TRUDE ist fertig geworden. Wie bei der Geburt meiner echten Kinder habe ich geschwitzt und geweint vor Glück und Respekt. 

 

Geplant (und immer noch im Kopf) ist eine Frauensaga über fünf Generationen. Das TRUDE Kapitel hat bereits jetzt schon einen beachtlichen Umfang bekommen, so dass ich mich entschieden habe, es als Band eins der Saga in diesem Jahr zu publizieren. Das Manuskript ist jetzt in guten Händen, wird gelesen und geprüft, damit ich mit dem Rat der weisen Frauen den nächsten Schritt der Publikation angehen kann. Soll ich einen Verlag suchen oder TRUDE selber publizieren? 

 

An der Vernissage von Bettina Zumsteins Buch "ungeschminkt Frau" hatten Gabriela Azoulay, mein Mann Matthias und ich die Ehre den musikalischen Rahmen zu gestalten. Das rundum gelungene Frauenbuch und die Zusammenarbeit mit völlig fremden Menschen, die zu Freunden geworden sind, haben mich sehr im Kern berührt. 

 

Jetzt sind Schulferien. Ich lege jetzt eine Schreib-, Denk- und Projektpause ein. Der Laptop verschwindet in die Ecke. Ich werde zwei Wochen lang rumnuschen, im Garten lümmeln und in den Tag hinein leben, ungeschminkt im Pyjama herumhängen so lange es mir beliebt.

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Women's march Zürich

Ich habe lange überlegen müssen, wann ich zuletzt an einer Demo teilgenommen hatte. Es muss nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl gewesen sein. Danach bereiste ich in die Welt und später kamen die Kinder. Eins nach dem andern.

 

Mein Mann und ich konnten unser Ideal, Einkommen und Erziehung zu teilen nie realisieren. Ich mochte aus Erschöpfung und Überforderung mit den Kids lange nicht mehr im Aussen arbeiten. Mein Mann rang stets mit den Arbeitgebern, um sein Pensum zugunsten der Familie zu reduzieren.

 

Zwanzig Jahre Mutterschaft sind ehrbar und ich bin stolz auf meine "Brut". Seit fünf Jahren versuche ich wieder ins Berufsleben einzusteigen und scheitere daran, dass ich keinen geraden Lebenslauf vorweisen kann und mehrheitlich halt nur Mutter und Hausfrau war. Verdammt weh getan hat die Bemerkung eines dreissigenjährigen Chicks, als ich einen CAS-Lehrgang besuchte, um meine Berufschancen zu erhöhen: "So dahergelaufene Hausfrauen wie du senken das Niveau des Kurses!" Ich habe mir danach die Wunden geleckt und gedacht: "Schätzli, du hast einfach keine Ahnung!"

 

Nun - ich bin heute nicht verbittert über mein Leben, aber ich finde, es ist immer noch a mens world. Es ist einfach Sexismus zu ignorieren, wenn man davon profitiert. Als ich vom "Womens March" in Zürich hörte, bekam ich Lust auf ein Bad in der Frauensolidarität, wollte den Politikern, Arbeitgebern, Religionsoberhäuptern und Frauen in patriarchalen Ländern mit meiner solidarischen Präsenz ein Zeichen setzen. Und die Aussicht, mit meiner erwachsenen Tochter einen schönen Mutter-Tochter-Tag zu verbringen, war auch verlockend.

 

Ich war überwältigt. Von der Kraft des Feldes.

 

15'000 Menschen zogen durch Zürich. Meine Vision von einer friedlichen, solidarischen Welt, in der alle dieselben Chancen haben und zugehörig sind, hat Nahrung bekommen. Wellen von Gänsehaut hatte ich fort und fort. Diese Bilder bleiben unvergessen: Das Kleinkind mit dem pinken Nuggi, das bei seinem Papi auf den Schultern sass und mich mit leuchtenden Augen anlachte. Die ergrauten Feministinnen der ersten Stunde, die kichernd von alten Zeiten berichteten. Menschen in Rollstühlen haben sich nicht vom Regen abhalten lassen. Das grosse Staunen auf der Rathausbrücke, als der pink-bunte Menschenzug beim Zurückschauen zu der Rudolf-Brun-Brücke kein Ende nehmen wollte. Ein Rotbart proklamierte auf einer Kirchentreppe lauthals, die Verfehlten müssten Busse zu tun. Dieser dogmatische Prediger und ein anderer Passant, der mir und meiner Tochter nachrief, wir gehörten einer Randgruppe an, sind mir Motivation und Beweis, dass es immer noch notwendig ist, sich zu formieren und die alten (Glaubens-)Zöpfe abzuschneiden.

 

Der neue Feminismus ist für mich eine Bewegung, eine Kultur der Gleichwertigkeits- und Chancengleichheit. Ich teile die Ansicht mancher Frauen nicht, dass Feminismus nur den Frauen "gehört". Männer gehören unbedingt mit in den Diskurs. Ich wünsche mir und begrüsse es, dass sie mitdenken, wie wir alle unsere gesellschaftliche Zukunft gestalten.

 

We can't keep quiet! Bis es sich stimmig anfühlt.

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Gogi und Nonno - ZWEI HÄHNE AUF GROSSER REISE

Meine Schulfreundin ist eine häusliche Zeitgenossin, die es sich in ihrem kleinen Reich im Nordosten der Schweiz gemütlich eingerichtet hat. Sie kümmert sich liebevoll um ihre Sippe, Freunde und ihren kleinen Zoo. Meines Wissens hat sie die umliegenden Nachbarländer gestreift, aber weit in die Welt hinaus hat es sie nie getrieben. Es hat etwas Witziges, dass ihr das Schicksal zwei exotische Schwiegersöhne ins Haus geschneit hat. Einer stammt aus der Slowakei der andere aus Senegal.

 

Der Afrikaner lebt seit mehreren Jahren in der Schweiz, spricht lupenreines Deutsch und hat sich durch verschiedene Jobs ein breites Know-how erworben. Er und seine frisch Angetraute haben meine Freundin letzten Sommer zur Grossmutter gemacht und wohnen mit dem Säugling in einer kleinen Zürcher Stadtwohnung. Ganz zum Unbehagen meiner Freundin plant das Paar ins Heimatland des Vaters auszuwandern und dort eine neue Existenz aufzubauen. Mit einer Hühnerfarm.

 

Der geschäftstüchtige Senegalese klapperte im Vorfeld Brockenhäuser ab, um intakte Gegenstände für seinen Zwischenhandel zu erwerben. Am Strassenrand deponierten Wohlstandsmüll packte er beherzt in seinen klapprigen Renault. In der kleinen Stadtwohnung stapelten sich die Güter, die zum Wiederverkauf im Heimatland geplant waren. Für die seine Hühnerzucht erstand er ein gebrauchtes Inkubationsgerät.

 

Mitte Dezember lieh sich die Tochter bei ihrer Mutter einen alten Schrank aus. Schnell verstand meine Freundin, dass sie das Möbel nie mehr unversehrt zurück bekommen würde. Denn in den Kasten zogen vorübergehend zwei prächtige Schweizer Hähne ein und wurden nach den Schweizer Grossvätern benannt. Gogi und Nonno feierten mit der kleinen Familie, der Schweizer Verwandtschaft der Tochter und den afrikanischen Freunden des Kindsvaters Weihnachten. Meine Freundin fand es amüsant.

 

Der Familienvater sollte vorerst die Reise alleine antreten. Frau und Kind würden nachkommen. Im Januar stand der kleine Renault bis unters Dach vollgestopft abfahrbereit. Eine Schachtel befruchtete Eier krönte das Unterfangen und ganz am Schluss wurden Gogi und Nonno in die letzte Lücke verfrachtet.

 

Von Zürich bis nach Dakar sind es sieben Tausend Kilometer. Auf der langen Strecke hat der Geschäftstüchtige fortwährend Artikel aus seinem Sortiment verkauft, um sich damit den Treibstoff zu finanzieren. In nur sieben Tagen hatte der unerschrockene Mann sein Ziel erreicht. Wie er es geschafft hat, mit dieser kleinen, zum Bersten vollen Büchse so schnell zu fahren, bleibt ein Rätsel.

 

Meine Freundin weiss auch nichts Genaueres, wie es Gogi und Nonno während der Fahrt ergangen ist. Ich stelle mir vor, wie die beiden Schweizer Hähne nach dem siebentägigen Trip im fernen Senegal benommen aus dem Auto torkelten. Wir wünschen ihnen, dass sich der Klima- und Kulturschock in Grenzen hält und der afrikanische Boden fette Würmer hergibt. Möge ihnen ein paar glückliche Jahre als Gebieter über eine stattliche Hühnerschar beschert sein. 

Das Ende der Schoko-Muffins-mit-Smarties-ära

Ich bin eine höchst untalentierte Kuchenbäckerin. Dies haben meine drei Kinder in den letzten Jahren aushalten müssen. Die Grosse wurde neulich einundzwanzig Jahre alt. Ich erinnere mich an ihre erste Kinderparty am zweiten Geburtstag als sei es gestern gewesen. Vor neunzehn Jahren hatte meine Karriere als durchzogene Geburtstagskuchenbäckerin begonnen und endet jetzt mit einem Paukenschlag: mit der allerallerallerallerletzen Kinderkuchen-Back- Aktion und einem Erlösungsseufzer aus tiefster Brust.

 

Schokoladen-Muffins-mit-Smarties sind der einzige sichere Wert, den ich meinen Kindern habe anbieten können. Alle anderen Versuche, ihnen einen schönen, lustigen, hippen, angesagten, wohlschmeckenden Kuchen zu backen scheiterten. Kläglich.

 

Andere Mütter schafften es mit links, ihren Kindern die Wunschkuchen zu backen. Großartige Kreationen gab es bei anderen Kindergeburtstagen: Torten und Kuchen mit Lilliyfees, ganzen Fussballszenen, Bob-dem-Baumeister und seinem Wagenpark, Yakari hoppelte über eine Tortengussprärie, Barbie und Ken küssten sich in Marzipan und noch viele andere Zauberwerke. Die Latte lag immer sehr, sehr hoch.

 

Immer schon Wochen vor dem Jahrestag hatte ich Schweißausbrüche. Einmal im September und ganz schlimm im Januar. Kaum war der Weihnachtszirkus vorbei, schlotterte ich schon beim Gedanken an die beiden kommenden Kindergeburtstage im Februar. Vor meinen Kindern versteckte ich meine Versagenspanik so gut es ging. Ereignis um Ereignis nahm ich einen neuen Anlauf. Ich wollte meine Knirpse nie enttäuschen, sie nicht erneut vor ihren Freunden langweilig dastehen lassen.

 

Einmal besorgte ich uns ein supercooles, bebildertes Backbuch mit tollen Inspirationen. Dieses Mal sollte es gelingen! Nun, auch dieser Kuchen wurde eine Pampe, ein regelrechtes Desaster, weil die Zutaten aus dem Deutschen Zauberbuch sich nicht eins zu eins durch Schweizer Produkte hatten ersetzen lassen. Buttercreme und Fruchtglasur sahen einfach nur traurig aus! Danach sagte ich beherzt zu meinen Knirpsen:

 

„Sorry, Kinder ich pack das nicht! Ab jetzt gibt es Schoko Muffins mit Smarties, das kriege ich hin!“

 

Das hat sich bewährt. Immerhin habe ich meiner erwachsenen Tochter zu ihrem Zwanzigsten eine Cremetorte mit einem putzigen Einhorn obendrauf für einen stolzen Batzen gekauft. Ein Mal im Leben sollte sie etwas Tolles aufgetischt bekommen.

Am letzten Donnerstag erklärte sich der Jüngste zur Mithilfe bei der Backaktion bereit. Er ist sehr einfühlsam und weiss mittlerweile, was ich durchmache. Nach zwei Stunden Schmelzen, Rühren, Dekorieren von drei Schokoladenkuchen in Varianten (Muffins für die Schule, eine Torte für die Geburtstagparty, einen Cake für seine Mannschaft), stöhnte Sohnemann:

 

„Ich mag nümme!* Und mir ist schlecht vom Schlecken.“

 

Ich erklärte mich bereit, alleine die Küche aufzuräumen und entliess ihn in die Sonne zum Fussball spielen. Er hatte mein ganzes Mitgefühl, denn er sprach mir aus dem Herzen:

 

„Ich mag au nümme!“

 

Der Kuchen ist ja das eine. Das andere – die Kinderpartybespassung - ist für Eltern auch eine enorme Herausforderung. Für die Knirpse ist eine coole Geburtstagsfete ein Gradmesser der Beliebtheit. Die Angebote haben sich in meiner einundzwanzigjährigen Mutterkarriere exponentiell entwickelt. Früher reichten ein wenig Ringelreihe und Schlangenbrot am Feuer. Heute sind Besuche im Kino, bei MacDonalds, in Indoor-Spielplätzen und Funparks angesagt. Alles schön deftig ins Geld gehend.

 

Wir sind eher die Frischluft- und Einfach-ist-gut-Menschen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Kinderhorden am besten im Wald oder im Freien zu bändigen und zu begeistern sind. Doch es hatte sich gezeigt, dass manche Knirpse bei frischer Luft und Wald die Krise bekommen. Eltern reagierten heftig auf dreckige Schuhe und eine mögliche Zeckengefahr, die von Ärzten und Medien zu einer Massen-Hysterie hochgepeitscht werden. Wir sind da ziemlich pragmatisch und finden nach wie vor, dass man sich auch ohne Impfung, mit guter Kleidung, Zeckenspray und Nachkontrolle entspannt in der Wildnis des Schweizer Mittellandes bewegen kann.

 

Das Fest unseres Jüngsten war ein schöner Schlusspfiff nach einer langen Ära. Das Wetter war uns hold. Neun Jungs waren eine gute Bande zum Tschutten und Räuber und Poli. Ganz ohne Erwachsene tobte die sich Truppe zwei Stunden lang auf dem Schulhof aus und vergass die Zeit. Hungrigen Raubtieren gleich machten sie sich danach über das Raclette her. Die anschließende Schnitzeljagd über Friedhof und durch den nachtdunklen Wald bescherte den Jungs die richtige Dosis Gänsehaut. Unser Jüngster flüsterte beim Einschlafen:

 

„Es war ganz schön gruselig. Aber das war ein total cooler Geburtstag. Schade, ist er schon vorbei!“

 

Mit diesem Wochenende geht nun meine Schoko-Muffins-mit-Smarties-Ära zu Ende und ich bin ziemlich happy darüber.

 

 

*ich mag nicht mehr 

das zehnernötli

... eine halbe Geschichte mit offenem Ausgang

 

Neulich entdeckte ich unter grauem Restschnee am Strassenrand ein gelb-oranges Stück Papier. Beim näheren Betrachten erkannte ich, dass es eine Zehnfrankennote war. Erfreut über den unerwarteten Geldsegen faltete ich den Schein klein und steckte ihn mir in die Gesäßtasche. Es gab noch dies und das zu erledigen und ich vergass das Intermezzo.

 

Der Fund kam erst ein paar Tage später nach der Jeanswäsche beim Entleeren der Waschmaschine wieder zum Vorschein und mir ins Bewusstsein. Ich fischte die Note aus der Trommel, entfaltete sie und war überrascht, dass sie den Buntwaschgang völlig heil überstanden hatte. Der Schweizer Franken macht seinem Namen als robuste Währung alle Ehre.

 

Das Nötli (kleine Geldnote) baumelt nun seither an der Wäscheleine. Ich belasse es, um mich daran zu erinnern, dass einem immer wieder mal unverhofft etwas zufallen kann. Auch bis mir etwas Originelles einfällt, was ich damit machen möchte.

 

Gerade eben hatte ich die Idee:

 

Ich spiele Dir Leser den Ball zu.

Lass mich als Geschichtensammlerin einfach die Frage in die Runde werfen:

 

Und jetzt?

Was würdest du mit zehn Franken machen?

Gib meiner Geschichte einen pfiffigen Schluss!

 

Ideen bitte gerne:

kontakt@rose-marie-gasser-rist.com