Auch das ist

Ich kämpfe immer noch mit den Nachwehen der Grippe. Es läuft seit der Rückkehr von meiner Lesereise grad überhaupt nicht flott mit dem Schreiben. Amber, die Protagonistin des Folgeromanes, zickt und sie schenkt mir einfach nicht die Geschmeidigkeit, mit der ich von Trude verwöhnt wurde. Dazu werde ich ständig abgelenkt, habe unzählige Minitermine, die mir den Tag in Stücke hauen. Ich gebe es endlich zu, ich bin grad heillos überfordert mit dem Spagat zwischen der Schreiberei und den Bedürfnissen der Familie. 

 

Heute hätte ich eigentlich endlich wieder einmal einen ganzen Schreibtag gehabt, viele Stunden Leere, um in den nötigen Flow zu kommen. Den Flow brauche ich zum Schreiben, ebenso literweise Tee und ein kleines Ritual. 

 

Ich lege mir, bevor ich den Laptop öffne, immer einen Bernstein in den Büstenhalter ans Herzen, spreche dazu ein leises Gebet, bitte das Leben und die fünf Frauen auf der Wolke (die Protagonistinnen Marthe, Trude, Annie, Meilin und Amber, die mich seit Mai 2016 wie eine Reisegruppe begleiten - habe ich darüber schon einmal erzählt?), mich zu führen und mir die richtigen Ideen und Worte zufliessen zu lassen. Ohne dieses Ritual fehlt mir etwas. Ich fühle mich... nackt ...

 

Und heute beim Loslegen erschüttert mich die Feststellung, dass mein Talisman UND der USB-Stick, auf dem ich alle Daten als Doppel sichere, samt Hülle verschwunden sind! Die wertvollen Gegenstände bewahre und transportiere ich sorgfältig in einem herzigen, handlichen Stofftäschchen. Zwei wohlproportionierte Frauenpos in Badeanzügen, zwei Frauen von hinten beim Tratschen, zieren das Stück und sind Hüterinnen meiner Schätze.

 

Alle Taschen, Ritzen, Nischen, Schuhe, den Kühlschrank und die Brotkiste habe ich abgeklappert. Ich habe Mann und Büro-KollegInnen in Konstanz schriftlich avisiert, weil ich sie nicht telefonisch erreichen konnte. Der Tag ist angepatzt, die Stimmung im Keller. Schreiben geht in diesem Zustand gar nicht. Also nutze ich die Zeit sinnvoll und überarbeite das bisherige Manuskript. Stattliche 380'000 Zeichen umfasst es bereits und ich bin erst etwa bei einem Drittel der Geschichte. Da darf ruhig gekürzt und geschliffen werden. Dachte ich. Hätte ich lieber sein lassen. Ich finde das Gelesene (in meinem Gemütszustand!) grottenschlecht. Panik steigt auf! Amber würde Trude nie das Wasser reichen können und meine Leserinnen (erklärte Trude-Fans) würden sich enttäuscht von mir abwenden. 

 

Den Tränen nahe und entschlossen meine Schriftstellerinnen-Karriere an den Nagel zu hängen (der Verlust des Talismans ist ja DAS untrügliche Zeichen für: VERGISS ES!), wende ich mich vom Manuskript ab, schmeisse eine Ladung Wäsche in die Maschine und gehe schniefend zum Briefkasten. 

 

Auf dem Weg zurück ins Haus, springt mich ein Jobinserat in der Regionalzeitung an und ich überlege kurz, mich zu bewerben. Und dann schiesst mir Röte ins Gesicht, verstohlen blicke ich mich in der Gasse um, wie ich mein Foto auf der Rückseite des Blattes entdecke. Von der letzten Lesung hat eine Zuhörerin einen Bericht - einen sehr wohlwollenden Bericht - verfasst. Jetzt rollen die Tränen. 

 

Und wie ich zum Laptop zurückkehre, sehe ich im Mail-Eingang eine Nachricht: 

 

"Ich habe die Frauenpopos gefunden inkl. Bernstein und USB-Stick. Ich werde es in meinem Rollcontainer einschließen und bis zu deiner Ankunft sicher verwahren." 

 

Wenn AMBER in einem Jahr im Buchhandel stehen sollte, wird Sebastian unser Held sein, weil er meine Schreiberei gerettet hat. Ich gebe Amber noch eine Chance. 

 

Doch erst fahre ich eine Woche in den Urlaub. Ohne Laptop und ohne das Frauenrudel der Bernsteinsaga. Die können mich jetzt einfach mal. Ich gönne mir mit meinen drei Kindern eine richtig schöne Gluckenzeit an der Sonne und erhole mich endlich von der Grippe und von meinen Zweifeln.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0