Rote Lackschuhe, Erdbeertörtchen und ein Schaumbad

Im September, wenn sich die Blätter verfärben und die Sonne noch mild und gütig die Tage wärmt, erinnere ich mich an unsere Geschichte. 

 

1996 war meine Tochter Rahel gerademal einen Monat alt, als ich mit meinem ersten Mann und unserer Schaffhauser Band die Proben wieder aufnahm und per Inserat einen neuen Gitarristen suchte. Ein Matthias meldete sich auf die Anzeige und betrat unspektakulär das verqualmte Übungslokal und mein Leben. Sein Gitarrenspiel und die Formation passten nicht zusammen. Wir verabschiedeten uns auf Nimmerwiedersehen, obschon dieser Typ anders, als alle Musiker und Männer, die meinen Weg bisher gekreuzt hatten, ziemlich Eindruck auf mich gemacht hatte. Was sollte ich mich länger mit ihm aufhalten? Ich war auf dem Weg zu heiraten und eine kleine Familie zu gründen. Und Matthias hatte gerade seine Frau aus Australien eingeflogen.

 

1999 bin ich in der Altstadt dem Gitarristen zufällig wieder über den Weg gelaufen. Ich führte die dreijährige Rahel an der Hand und ihre schönen, neuen roten Lackschuhe spazieren. Mutter und Tochter waren im Begriff sich ein Leben zu zweit einzurichten und auf Wohnungssuche. Das Familienprojekt war gescheitert. Matthias bewunderte beim Small Talk auf der Gasse Rahels Schuhe und berichtete by the way, dass seine Frau wieder nach Australien zurück gekehrt war und er einiges mit den internationalen Scheidungspapieren zu tun hatte. Ich freute mich aufrichtig, Matthias zu sehen, schlug aber sein Angebot, in die grosse Wohnung mit Rahel zur Untermiete einzuziehen, aus. Das Scheitern der Ehe nagte heftig an mir und ich brauchte Zeit, die auseinandergeflogenen Teile wieder zusammenzufügen und mich auf eigene Beine zu stellen. Aber ab und zu gemeinsam zu musizieren, konnte ich mir gut vorstellen.

 

Im Sommer 2000 organisierte ich an meinem Arbeitsort Lindli-Huus Schaffhausen einen Kulturherbst. Beim gemeinsamen Musizieren hatte mich Matthias' virtuoses Gitarrenspiel längst verzaubert. Es lag nahe, dass er sein Abschiedskonzert im Lindli-Huus geben sollte. Er war nämlich auf dem Sprung nach Solothurn, um dort einen Neuanfang zu wagen. Für ein-zwei Lieder plante er mich als Sängerin ein und so kam es, dass er öfters in unsere Zweifrauen-mit-Kater-WG zum Proben vorbeikam. Einmal stand die kleine Rahel im Türrahmen und bemerkte: „de Matthias mues do wohne!“ Uns Erwachsenen liefen die Wangen bis zum Haaransatz dunkelrot an. Keiner wusste von den widerspenstigen Gefühlen des andern. Als mich Matthias an einem heissen Juli-Tag in der Mittagspause bei der Arbeit mit zwei Erdbeertörtli in der Hand überraschte, klopfte mein Herzli bis zum Halszäpfchen. Auf der Sonnenterrasse zwang ich mich zu essen, um ihn nicht zu enttäuschen, aber mir war überhaupt nicht nach dem süssen Gebäck. Ich war total verlegen und es wurde kompliziert. Bestimmt waren meine Ohren röter als die Erdbeeren unter dem Geléeguss.

 

September 2000: Mit den roten Ohren und der Verlegenheit Matthias’ gegenüber arrangierte ich mich mit der Zeit. Sein Platz in meinem Leben war der eines liebgewordenen Freundes. Mehr sollte nicht. Einen Freund darf man um einen ungewöhnlichen Gefallen bitten. Denn in Wellen überfielen mich Scheidungskoller und das Hickhack um das Sorgerecht. Das normale Prozedere halt, wenn Paare sich entlieben und Eltern bleiben. Ich liebe es zu baden, wenn es mir nicht gut geht. In meiner Wohnung gab es jedoch nur eine Minidusche. So fragte ich Matthias an einem kinderfreien Septemberabend scheu an, ob ich bei ihm ein Wohlfühlbad - nur ein Bad, ich schwöre! – nehmen dürfte. Logisch, meinte er, öffnete seine Wohnung und zeigte mir sein Badezimmer. Er selber zog sich diskret ins Wohnzimmer zurück und klimperte auf seiner Klampfe. Im Bad heulte ich Rotz und Wasser wegen der gescheiterten Ehe, meines halbangepatzten Lebens und machte mir Gedanken über die Zukunft mit der Kleinen. Das ganze Selbstmitleid-Programm, das es ab und zu braucht, um wieder auf den Boden der Realität abzusinken, spulte ich ab und konnte mich darin richtig entspannen. Später tappte ich (angezogen !) ins Wohnzimmer, mich zu bedanken und schleunigst zu verabschieden, um das aufgeräumte Wohlgefühl nicht zu verpuffen und fand vor der Badezimmertür ein Kerzlein brennen.

 

Auf dem Nachhauseweg war es um mich geschehen. Wer mich in meinen heiligen Bedürfnissen respektiert, mir meinen Raum lässt, und diesen sogar mit einem Lichtlein erhellt, ist eine aufmerksame Seele. Boah! Ich radelte nach Hause und gestand mir ein, dass es mich volle Kanne erwischt hatte. Nach diesem Abend sträubte ich mich nicht mehr und liess zu, was seinen Lauf nehmen wollte. Wir trafen uns danach öfters und liessen trotz aller Vernunft (er auf dem Weg in eine andere Stadt, ich mit einem Kind an der Hand, dem beachtlichen Altersunterschied, der möglichen Bedenken meiner, seiner Familie..) zu, uns richtig deftig ineinander zu verlieben. Unter einem majestätischen Baum in Schaffhausen küssten wir uns zum ersten Mal und gaben unserer Geschichte die Erlaubnis, geschrieben zu werden.

 

Heute, siebzehn Jahre später, anerkenne ich, dass Grosses nicht aufgehalten werden kann. Der Tod nicht, die Geburt eines Kindes nicht und die Liebe nicht.

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Heidi (Donnerstag, 15 Februar 2018 20:42)

    Ach wie schön, deine geschichte berührt mich gerade in meinem zweifelkabinett, daaanke!

  • #2

    Barbara (Donnerstag, 26 April 2018 20:15)

    Danke für diese Zeilen am Anfang, in der Mitte und am Schluss, ich liebe Deine Erzählsprache, deine Aufmerksamkeit, auch in kleinen Zeichen GROSSES zu sehen und anzunehmen. Danke, dass Du Dich für uns LeserInnen, WegbegleiterInnen öffnest. Dankbar - sende ich Herzensumarmung aus Wien ❤️

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