Männer (zwei)

In meinem Männerüberdruss begab ich mich auf die Suche nach einer männerfreien Arbeitszone. In einem Frauenbüro wurde mir ausgerechnet der Platz vis-à-vis eines Kerls zugewiesen (siehe Männergeschichte eins). „Geht gar nicht!“, dachte ich mir, radelte konsterniert nach Hause und stellte mir die Fragen:

 

„Warum sollte ausgerechnet ICH diesem Kerl Karl gegenüber zu sitzen kommen? Und was hat die Männer-Overdose in meinem Leben mit mir zu tun? Es muss mit mir zu tun haben!“

 

Da ich an das Gesetz der Resonanz glaube, das besagt, dass alles, was im Aussen auf mich zukommt, immer mit mir und meinem inneren Drama zu tun hat, nahm ich mir vor, Karl als Symbol, wofür Männer und das männliche Prinzip in meinem Leben stand, zu nehmen und darüber als Hausaufgabe gründlich nachzudenken. Nicht zuletzt auch, weil mein Liebster bemerkte:

 

„So, jetzt ist aber Mal gut mit dem Gestöhne über uns Männer!“

 

Ich begann meine Gefühle, Gedanken und Äusserungen scharf zu beobachten und zu reflektieren und bin zu folgenden Einsichten gekommen: Das System meinte es in den letzten Jahrhunderten nicht gut mit den Frauen. Alle Macht gehörte dem Patriarch. Folglich fühlte ich mich als Frau als Verliererin der Gesellschaft. Ich kam mir auf die Schliche, dass ich ein ziemlich einseitiges Männerbild hatte: Männer wollen immer recht haben, sie hören nicht zu, behaupten etwas, ohne genau zu wissen, was Sache ist, haben ein übersteigertes Selbstwertgefühl, sie konkurrieren, streiten und lieben es, sich zu messen. Männer sind nicht in der Lage, sich in eine andere Person einzufühlen. Intuition ist ihnen ein Fremdwort. Und Männer müssen immer siegen. Um gehört und wahrgenommen zu werden, muss man mit oder gegen Männer kämpfen.

 

Kein Wunder konnte ich mich mit diesem Männerbild in meinem Haus nicht entspannen! Ich war immer in Kampf- und Abwehrstellung, um mein Territorium und meine Anliegen zu verteidigen.

Als mir das bewusst wurde, bin ich übel erschrocken.

 

Diese Tage hatten sich Vater und Sohn wieder einmal heftig „die Kutteln gewaschen“, wie wir in der Schweiz zu sagen pflegen. Sie brüllten sich wegen des Konfliktes Number One, dem Medienkonsum, an und steigerten sich in einen verbalen Schlagabtausch. Jeder beharrte auf sein Recht, wollte den verbalen Fight gewinnen. Kurz bevor es handgreiflich wurde, machte Sohn auf dem Absatz kehrt, schlug die Tür hinter sich zu und liess den verdatterten Vater zurück. Er tat mir richtig Leid und ich sagte aus einem Impuls heraus:

 

„Ich finde es bedauerlich, dass es um Macht und Gewinnen und nicht um die Beziehung zwischen Euch geht. Ich wünschte du hättest eine weichere Haltung für die Bedürfnisse deines Sohnes und ihr würdet es hinkriegen, Eure Standpunkt zu formulieren ohne Euch an die Gurgel zu springen.“

 

In dem Moment, als die Worte über meine Lippen kamen, wurde mir bewusst, dass auch ich einen weicheren Blick auf meine Männer bekommen sollte. Dass hinter dem Machtkampf ein normaler Ablösungsprozess des Sohnes und ein übernommenes, altes Rollenmuster des Vaters steckten, aber bestimmt nicht mangelnde Liebe und Wertschätzung.

 

Mein Männerbild entsprang einer längst überholten Denke, ich war bis vor kurzem gefangen in einer einfachen Frauen-sind-so-und-Männer-sind-so-Sicht. Wenn ich jetzt meinen Tunnelblick weite – schau an: Ich sehe Väter, die ihren Babys den Hintern sauber machen, die Teilzeit arbeiten und Hausarbeit übernehmen, sich sozial und ehrenamtlich engagieren und im Kino weinen. Diese Tage hat mich ein Mann in einer höheren, öffentlichen Position sehr überrascht. Er stellte sich die Frage, ob er an der richtigen Stelle wäre und schrieb mir in einer Mail:

 

„Ich möchte achtsam auf meine Intuition hören, dann wird es sich zeigen!“  Wow!

 

Auch sollte ich meinen Einfluss auf meine männliche Gesellschaft nicht unterschätzen. Neulich haben wir an einem Sonntagabend alte Videos von unseren ersten Familienjahren angeschaut. Wie zärtlich und liebevoll ich den Söhnen zugewandt war! Natürlich auch dem Mädchen. Mir wurde die Macht bewusst, welchen Einfluss wir Mütter auf unsere Söhne haben. Wir Frauen können neue Werte des Menschseins und Miteinander mit auf den Weg zu geben. Mein Mann schätzt es, wenn ich aus meiner eher empathischen, weiblichen Perspektive Konflikte betrachte und ihn unterstütze, weichere Lösungen zu finden. Ich höre Männer, die sich mehr Zeit für sich selber und ihr soziales Umfeld wünschen. Sie möchten ihr Leben nicht mehr nur der Karriere und der Knechtschaft einer Firma opfern wie einst ihre Väter.

 

Fussball, der seit nunmehr sieben Jahren unseren Familien-Wochenplan taktet, verändert auch wie ein steter Tropfen meinen sturen Stein. Es hat mich neuerdings eine Faszination gepackt, jedes Spiel aus einer „energetischen“ Sicht zu betrachten. Die Spieler verschmelzen zu einer Einheit und funktionieren als Schwarm. Ich bin sogar mittlerweile hingerissen, mit allen meinen Sinnen zu beobachten, wie jeder Match eine eigene Intelligenz, Logik und „Schwingung“ hat, die nichts mehr mit männlich-herb und Testosteron zu tun hat, sondern mit Feinsinn und grosser Ästhetik. Ich lerne dazu!

 

Frauen haben heute mehr Chancen, sie sollten sie selbstbewusst ergreifen. Ich habe von meinem Männer-Umfeld gelernt, mehr Ehrgeiz für meine Ziele zu entwickeln, fokussiert darauf hin zu arbeiten und weniger Zeit damit zu verschwenden, mich auf dem Weg mit Baustellen oder Sorgen anderer Menschen aufzuhalten. Solidarität ist ein edler Zug. Massvoll ist sie gesund. Bisher war mir das ewige Reiben und Messen unerträglich. Doch neuerdings betrachte ich es wie ein Schleifen eines Rohdiamanten. Erst durch Bearbeitung kommt er zur Brillanz. Diesem Bild kann ich sehr viel abgewinnen. Und schliesslich fällt einem Erfolg nicht einfach in den Schoss. Frau muss schon etwas dafür tun.

 

So betrachtet bin ich Karl (vielleicht sollte ich mich bei ihm zu erkennen geben und ihn wissen lassen, wofür er hinhalten muss J... ) dankbar, dass er mir die Augen geöffnet hat. Wir leben in einer neuen Zeit und sind frei die alten Rollenzöpfe abzuschneiden. Meine Erfahrung ist; sobald ich eine einseitige, sture, beschränkte Sicht weite oder verschiebe, verändert sich auch etwas im Aussen. Ist es nicht ein bemerkenswerter Zufall, dass zum Schluss eine Maler-Frau auf unserer Haus-Baustelle erschienen und eine Perkussionnistin zur Band gestossen ist!? Und dass jetzt mein Zug des beruflichen Erfolges Fahrt aufnimmt, jetzt wo ich mich nicht mehr als Opfer der Männer betrachte?

 

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