Männer (eins)

Seit meine Tochter ausgezogen ist, werde ich von Fussball, Wrestling, zu erreichenden Umsatzzahlen und Wirtschaftswachstum, herben Duftnoten, Leistung und Kampf platt gewalzt. Doch doch – es gibt wunderschöne Familienmomente mit Mann und Söhnen. Aber es gibt Tage, da platzt mir der Kragen bei all der Reiberei und Besserwisserei. Ich fühle mich fremd in meinen vier Wänden und dominiert von Männerthemen. Seit der Ältere volle Kanne in der Pubertät steckt, mit dem Vater verbale Gefechte austrägt und beim Jüngsten es eine Frage der Zeit ist, bis er mitzieht, möchte ich manchmal nur noch flüchten. 

 

Ich wurde kürzlich gefragt, was mein roter Faden im Leben sei. Aus der Pistole geschossen kommt es: das Schreiben, die Musik und die Männerdominanz. Als Kind haben mich zwei streitlustige und laute Brüder klein gehalten. Ein übermächtiger Grossvater gab den Ton an im Mehrgenerationenhaus. Die wesentlich älteren Schwestern, die mir Schützenhilfe hätten geben können, waren früh ausgezogen. In meinem Erstberuf schlug ich mich mit sturen Vorgesetzten herum. Und seit ich Bandmusik mache, wer sind wohl die Mitmusiker? Zu 99 Prozent Männer! Mit ihren Befindlichkeiten, herben Sprüchen, unterdrückten Aggressionen, Saufgelagen, bis zum Anschlag aufgedrehten Verstärkern und Gockelgehabe. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis ich bei dem verstärkten Lärm zu meiner wahren Stimme und Musik gefunden habe. 

 

Meinen Exkurs in die Politik habe ich ganz schnell aufgeben. Bevor ich überhaupt meine Herzensanliegen vorbringen konnte, musste ich mich immer erst durch einen Männerwall durcharbeiten und Frauensolidarität ... – seufz – ach Schwamm drüber! So wie ich die Welt verstehe, wie ich mich ihr verbunden und verpflichtet fühle, dafür fehlen mir heute noch nüchterne Fakten und die nötige Schlagfertigkeit, um mich mit einem rationellen Geist zu duellieren. 

 

Seit ein paar Monaten schreibe ich einen Tag ausser Haus in einer Bürogemeinschaft an meinen Buchprojekten. Meine Bürokollegen? Männer! Mit der Haussanierung gesellten sich zu den Familienmännern, den Bandmusikern und den Bürokollegen über zehn Handwerker, die bis im Herbst täglich bei uns ein- und ausgehen werden und meinen Alltag takten. Es sind alles feine Menschen. Keine Frage! Aber diese Männer-Overdose muss ausgeglichen sein, sonst komme meine feinsinnige und komplexe Frauenseele völlig unter die Räder. 

 

Ich begann ausgiebig mit Freundinnen abzuhängen und mit der Tochter zu verreisen. Zum Glück kann ich mich auch in einem Chörli entspannen. Die Chorleiterin runzelt zuweilen zwar die Stirn und die wenigen Männer hüsteln nervös, wenn wir im Alt herumalbern. Aber wenn die wüssten, wie heilsam für mich dieses fröhliche Frauengeschnatter ist diese Tage! Mir ist jetzt auch sonnenklar, warum ich eine Frauensaga schreibe. Im lauten Männergedöns ist es schlicht DAS Medium, der Frauenseele auf die Spur zu kommen. 

 

Apropos Schreiben: Ich habe mich ausser Haus nach einem Arbeitsplatz in einem Frauenbüro umgeschaut und bin tatsächlich fündig geworden. Das Schnuppergespräch mit der Hauptmieterin lief verheissungsvoll an. Es würde in der Frauenagentur auf Oktober ein Platz frei werden. Design, Kommunikation, Kultur, die lichtdurchfluteten, grossen Räume, das empathische Gespräch, mein Herz machte Vorfreudesprünge. Das würde meinen Geist beflügeln, ich würde mich entspannen können. 

 

Bei der Besichtigung des Schreibtisches platzte die Illusion: Die Person, die mir direkt gegenüber sitzen würde, sei ein Mann, der einzige. Das vergass sie eingangs zu erwähnen. Karl hatte sein Territorium klar markiert. Sein Schreibtisch war ein Parkplatz für Modellautos. Wuchtige Möbel und überdimensionale Lettern einer Automarke deklarierten klar, wofür sein Herz schlägt. Über allem prangte ein gigantisches, sexistisches Plakat einer prominenten Schauspielerin an der Wand. Mein Blick beim Schreiben würde also über Männerkram und die Traumfrau des Kollegen schweifen und die Pausengespräche würden sich um Motoren, Leistung und Protz drehen. Mir fiel die Kinnlade herunter. GENAU DAS brauche ich NICHT!

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