Grenzerfahrungen

Meine Sinne sind Mimosen. Wenn einer zu sehr strapaziert wird, geht das grad so durch, aber wenn alle Rezeptorenknöpfe gleichzeitig gedrückt werden, bin ich hoffnungslos überfordert. Dann verliere ich mich und meine Mitte. Mein System schüttet Adrenalin oder was weiss ich noch für Stoffe aus (bin ja keine Medizinerin) und ist in höchster Alarmbereitschaft: Notwehr, Flucht, Überlebenstrieb, Kontrolle wieder herstellen. Ich bin überaus lärmempfindlich, verliere meine Orientierung in Menschenmassen, meine Etepetete-Nase mag am liebsten heile Waldluft und lange Autofahrten am Steuer sind purer Stress. 

 

Ein Campingplatz ist ein Akkumulat von all dem, was mich überfordert. Hinzu kommt, dass ein bisschen Zeltstoff wenig Schutz und Rückzugsmöglichkeit bietet. Aus diesem Grund standen Campingferien auf meiner „Was-ich-noch-alles-im-Leben-erleben-möchte-Liste“ ziemlich weit unten, noch kurz vor den beiden letzten Posten, in einer Metzgerei zu arbeiten oder als Soldatin in den Krieg zu ziehen. 

 

Wie es das Leben so will, haben die eigenen Kinder andere Bedürfnisse als die Eltern. Unsere Buben lagen uns dieses Jahr in den Ohren: 

 

„Bitte! Biitte! Biiiiiiitte! Campingferien!“ 

 

Nach langem Augenrollen habe ich eingewilligt, die Gelegenheit zu nutzen. Unsere Lieblingsnachbarn mieten jedes Jahr am Lago di Lugano eine Parzelle auf einem Campingplatz. Die besuchten wir. Zwei Nächte. Das war der Deal. Mehr traute ich mir einfach nicht zu, ohne vor Reizüberflutung zu kollabieren. 

 

Es war beschlossene Sache. Ein Versprechen einzuhalten, ist für mich Ehrensache, auch wenn es mir einiges abverlangt. Ich behielt für mich, dass ich schon Tage vorher Schweissausbrüche und Herzrasen hatte. Nur schon die Packerei! Was da alles mit muss! Zelt, Schlafsäcke, Proviant, Kühlbox, Geschirr, Gummiboot, Kleider für alle Wetterkapriolen, Badesachen, Spiele... Mangels Campingkocher legte ich Wasserkocher und Sandwichmaker, unsere einzigen und bewährten Küchenmaschinen, auf den Packhaufen. Damit lässt sich prima Kaffee, Tee, Beutelsuppe und warme Panini machen. 

 

Am Sonntag vor der Reise besuchten wir die Grosseltern in Schaffhausen. Nach dem Mittagessen überfielen mich im Wechsel Panikattacken (wegen der Tessinreise) und bleierne Müdigkeit (zwei Wochen Schulferien mit Jungs im Saft forderten ihren Zoll). Ich begrüsste, dass Vater und Söhne ins Freibad wollten. Dies schenkte mir eine Zeitinsel, mich zu sortieren und meine Ohren in Stille zu baden. Der Waldfriedhof Schaffhausen war mir schon immer ein Rückzugsort, wo ich mich regenerieren kann. Ich schob den Gedanken, ob es die Pietät erlaubt oder nicht, auf dem Friedhof zu schlafen, weg und legte mich auf ein lauschiges Bänklein im Schatten. Innert Minuten war ich weggedöst. Eine Frau schubste mich einiges später sanft an und fragte, ob alles in Ordnung wäre. Ich bedankte mich bei der Frau für ihre Fürsorge und dachte beglückt: 

 

„Was ist Schaffhausen doch für ein kleiner, heiler Ort! Man kann sich vertrauensvoll auf einer Waldbank schlafen legen! Jetzt fühle ich mich wieder erfrischt. Meine Welt ist in Ordnung.“

 

Die Energie und Freude hielt eine Nacht. Der Kettensägen-Attentäter versetzte Schaffhausen in einen Ausnahmezustand. Der Täter wäre flüchtig und hielte sich vorwiegend in Wäldern (!) auf. Mein Magen wurde flau, ich bekam Fieber und Schüttelfrost. Meine Nachbarin auf dem Zeltplatz simste nach meinem Bericht über meinen Gesundheitszustand zurück: 

 

„Das ist nur deine Panik vor dem Camping! Ich freue mich auf Dich!“ Küsschen-Emoji.

 

Nach einer kurzen, schlafarmen Nacht war ich dann erstaunlicherweise am Dienstag klar im Kopf und körperlich fit. Während der Vater auf dem Jakobsweg in der Westschweiz pilgerte, machte ich mich mit den zwei Jugendlichen alleine in einem bis unters Dach vollen Volvo auf ins Tessin. Wir sind bei Kälte und Regen los und wurden auf der Südseite des San Bernadino Passes von strahlender Sonne und unserer Nachbarin auf dem Campingplatz mit offenen Armen begrüsst. 

 

Ihre drei Knirpse empfingen uns in Badeanzügen und mit Eisspuren um den Mund. Beste, entspannte Ferienlaune strahlte aus ihren Augen. Die Parzelle hatte Seeanschluss und herrliche Sicht auf die Hügel. Beim Aufstellen der Zelte halfen unzählige kleine Patschhände und Ratschläge von hinzu geeilten Menschen. Es wurde mir schnell richtig fröhlich ums Herz, obwohl wir die Zeltstangen erst falsch montierten und den Aufbau noch einmal von vorne in Angriff nehmen mussten. In einer Stunde hatten wir alles installiert und ich konnte ein erstes, kühlendes Bad nehmen. 

 

Zwei Nächte später sind Campingferien auf meine Bucket List nach vorne katapultiert. Meine pubertierenden Jungs waren so entspannt wie selten. Sie hatten sich rührend um die kleinen Knirpse gekümmert und ausser in der Nacht, wenn es um Platzverhältnisse und Furzabgänge im Zelt ging, NIE gestritten. Der Pool, der direkte Seeanschluss, die Freiheit und Zeitlosigkeit und die vielen Kinder haben mich als Entertainerin überflüssig gemacht. Meine Jungs sind mittlerweile so selbständig, sich aus dem Vorrat selbst zu verköstigen. Ich war nicht dauernd mit der Nahrungsbeschaffung beschäftigt. Meine Kinder brauchten mich nicht. Drei Tage lang. Ich hatte Zeit mit der Nachbarin vollständige Sätze zu reden und habe sonst NICHTS GEMACHT. Dies hat mein hyperaktives System binnen Stunden hinuntergefahren. Mich überraschte es sehr, wie wenig mich die Aussenreize danach stressten. 

 

Am ersten Abend walzte ein Kind meine Sonnenbrille auf der Liegewiese platt. So what!? Die junge Frau im Nachbarzelt spielte pausenlos Ukulele und den Gassenhauer „Over-the-Rainbow“. Die liebste Musik kann zu Folterzwecken eingesetzt werden, wie man aus Guantanamo weiss. Wir haben uns daraus einen Running Gag gemacht. Verkohltes Fleisch macht mir als Vegetarierin zu schaffen. Doch ich wich den Grillgerüchen, die Tag und Nacht zwischen den Parzellen hindurchwaberten, einfach aus. Meine ökologisches Gewissen (geschätzte 70 % des Campingbedarfs besteht aus Plastik) hatte ich für diese kurze Zeit an der Rezeption abgegeben. Eine Partytruppe unterhielt die Nachbarn mit alkoholschwangerem Gelächter. Was ist Ohropax doch für eine segensreiche Erfindung! Das Liebespaar hatte ich dann bei meinem nächtlichen Pinkelgang zum zentralen WC doch gehört. 

 

Unter dem Strich wurde das Campieren nicht zu der Grenzerfahrung, die ich befürchtet hatte. Die drei Tage verliefen wie an der Sonne vergessene Butter auf einem Plastikcampingtisch. Nur eine einzige Begebenheit jagte mir in dieser Zeit das Adrenalin richtig schnell hoch:

 

Mein Sohn lud mich auf eine Gummiboottour ein. Das kommt bei einem Pubertierenden schon fast einer Liebeserklärung gleich. Also stieg ich ein und liess mich auf den See hinaus paddeln. Seinem Alter entsprechend nicht erstaunlich, verliess ihn die Lust, er kündigte es kurz an, sprang mit Kopfsprung ins Wasser und schwamm zum Ufer zurück. 

„Ja dann!“ nahm ich seinen Stimmungswandel zur Kenntnis und das Paddel in die Hand. Im Grunde kam es mir recht, so konnte ich den See und das Boot für mich alleine geniessen. Es waren wirklich nur wenige Minuten: Ich hatte nur tief durchgeatmet, nur kurz die Augen geschlossen und mich treiben lassen. Doch beim Öffnen der Lider staunte ich und mein Puls beschleunigte sich rasant. Der Nordwind und die Strömung hatten mich in Windeseile mitten auf den See geflutet! Weit und breit waren weder Schwimmer, Boote noch Ufer! 

 

Wie immer in heiklen Situationen begann ich ein Selbstgespräch: 

 

„Du warst schon mehr als einmal in Lebensgefahr. Du hast drei Kinder geboren, du weißt, was du aushalten kannst. Also! Du schaffst das! Hallo Panik! Jetzt machen wir es wie immer, gäll! Du bist da, du hilfst mir, Gefahren zu erkennen. Das ist gut so. Aber jetzt schleich dich! Jetzt muss ich denken!“ 

 

Danach konzentrierte ich mich auf meinen Herzschlag. Ich sprach meinem Organ gut zu, dass es sich bitteschön beruhigen soll. Als mein Herz ruhiger und wieder weicher pumpte, appellierte ich an die Logik: Wo ist das nächste Ufer! Wie spare ich Energie? Wie komme ich am besten voran? Und wie kann ich den Gegenwind umgehen?“ 

 

Eine letzte Instanz gab schliesslich die ultimative Schubkraft. Was meine engsten Mitmenschen an mir nicht so sehr mögen, war mir in dieser brenzligen Situation ein Segen. Es gelingt mir, wenn das Widder-Feuer richtig zum Kochen kommt, die Energie zu bündeln und in einem messerscharfen Strahl ein Ziel zu fokussieren. 

 

Ruhig und zielsicher positionierte ich mich zuvorderst im Gummiboot und paddelte um mein Leben. Eine Weile später lief das Boot auf der Wiese beim Zeltplatz auf, von den besorgten Mitmenschen wurde ich wie eine Weltumseglerin mit Jubel empfangen. Knie, Oberarme und Gemüt reagierten, kaum hatte ich sicheren Boden unter den Füssen, mit heftigem Zittern. Das anschliessende fröhliche Pizzaessen und der Tessiner Merlot besänftigten die flattrigen Nerven wieder. 

 

Ich brauche Grenzerfahrungen nicht, suche sie bestimmt nicht freiwillig. Doch jedes Mal, wenn ich über meine Komfortzone hinausgehe und erfahre, dass es möglich ist, die eigenen Schranken zu erweitern, wächst etwas im Innersten. Ich staune immer wieder, welches Potential in uns Menschen schlummert, wie viele Kräfte zur Bewältigung von Situationen mobilisiert werden können. Mich persönlich haben Meditation, Yoga, Psychologie und die neusten Erkenntnisse aus der Hirnforschung in den letzten Jahren in Bezug auf meine Phobien und Abgründe enorm weiter gebracht. Ob den Verrückten mit der Kettensäge Yoga von seiner Tat abgehalten hätte, ist zu bezweifeln. Aber ich stelle die kühne Behauptung auf, dass den vielen überforderten Menschen oder der Gesellschaft im Allgemeinen mehr gedient wäre, wenn Kinder in der Schule weniger Mathematik und Grammatik eingetrichtert, dafür mehr Techniken der Resilienz gelehrt würden. 

 

Ich bin bereits wieder im kühlen Norden, ein warmes Schaumbad hat meinen Kälteschock besänftigt. Meinen Jungs danke ich aufrichtig, dass sich mich zum Camping gedrängt haben. Ich bin wieder um Erfahrungen und Einsichten reicher.  Und.. wir haben für Juli 2018 eine Camping-Parzelle am Lago die Lugano reserviert.

 

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