Schreibreisen und Recherche

Eine Freundin fragte mich: „Was machst du denn eigentlich so für Recherchen - alleine (!) - in einer Stadt? Und warum überhaupt Stuttgart?“ 

 

Stuttgart war das Ziel meiner letzten Schreibreise, weil ich dort eine Gesangstunde geschenkt bekommen habe, weil in Stuttgart die Fäden von Marthe und Amber (der ersten und letzten Frau der Bernsteinsaga) zusammen fliessen und ich Lust hatte, eine mir noch unbekannte Stadt zu entdecken. 

 

Ein Übernachtungskit, Bahnkarte, Ausweise, Geld, Wasser und Proviant, der Laptop, ein Notizbuch, das Handy, ein Stadtplan aus Papier (ja! altmodisch ich weiss) und ein Regenschirm finden locker in einem Rucksack Platz. So bin ich mobil und wendig unterwegs.

 

Für zukünftige Geschichten sammle ich und halte fest: Gesehenes, Gefühltes, Gerochenes, Gelauschtes, Ertastetes. In einer Stadt oder an einem neuen Ort lasse ich mich einfach treiben. Da entsteht ein Schnappschuß, dort fange ich ein paar Gesprächsfetzen ein. Ich betaste Mauerwerk, Bäume oder Skulpturen. Meine Nase führt mich den Wohlgerüchen entlang durch Gassen und manchmal auch zu Stinkeplätzen. Ich lausche Tiergeräuschen, Baulärm, Klangteppichen in Bahnhöfen, Stimmen von Menschen. Es kommt vor, dass ich mit der Aufnahmefunktion Sequenzen aufnehme, um mich später wieder an die Szenerie zu erinnern. Ich liebe U-Bahnfahren. Es bringt mich schnell von einem Ort zum anderen und da lässt es sich wunderbar unauffällig Gesichter, Gespräche und Körpersprache beobachten. 

 

Jede Stadt, jeder Ort hat eine eigene Seele. Auf die schwinge ich mich jeweils ein, um die Erinnerung später beim Schreiben anzuzapfen, die Bilder und Stimmungen erzeugen, die Geschichten lebendig machen. 

 

Kaum angekommen in Stuttgart überraschte mich ein Wolkenbruch und ich flüchtete mich in ein Warenhaus, um etwas zu erledigen, was längst überfällig war, ich ungern tue und mit pubertierenden Jungs im Schlepptau äusserst strapaziös ist: Bade- und Unterwäsche anprobieren. Die Wechseljahre überraschten mich und meinen Körper. Ich habe plötzlich andere Proportionen. So sind meine Möpse – soll ich das jetzt hier wirklich schreiben??? Ach was solls!!! – in den letzten Monaten gewachsen und dafür sind andere Stellen geschmolzen.

 

Ich pflückte gleich alles von der Stange, was annähernd passend aussah und probierte mich in der muffig-engen Kabine durch alles – frierend und schwitzend im Wechsel – durch. Meine Kabinennachbarin bekam ich nie zu Gesicht, ich wurde aber gezwungenermassen Zeugin der Konversation mit ihrer Mutter. Die beiden hatten, was Dessous betraf hörbar nicht den gleichen Geschmack. Die Mutter lieferte der jungen Frau fortwährend die falschen Anprobemuster. Mit der Zeit entwickelte sich zwischen den beiden ein veritabler Zicken-Wortkrieg, bis die entnervte Mutter davon lief und die Halbangezogene mit der Bemerkung „Nie kann man es dir recht machen!“ hinter der Gardine stehen liess. 

 

Ich schwor mir in diesem Moment, diesen unwürdigen Satz nie zu meinen Kids oder irgendwem sonst zu sagen und war geradezu froh, mich alleine durch meine Unterwäsche-Beschaffungs-Strapaze ohne ungeduldige Mitmenschen durchzuboxen. Einiges später fand ich mich erleichtert aufatmend in der Einkaufsmeile mit drei Garnituren im Rucksack reicher. 

 

Der Himmel zeigte sich wieder freundlich und ich schleuste mich in den Menschenstrom Richtung Unterkunft ein. Im Mansardenzimmer im Haus der Engel angekommen, trug ich alle Tageseindrücke im Laptop zusammen, liess mich von Tauben umgurren und las im Netz, dass es in St. Gallen Rekordschnee für April gegeben hatte. 

 

Am zweiten Tag traf ich Babette Dieterich zur Gesangsstunde und zu herzhaftem Frauentratsch. In der Kunstausstellung im Kubus inspirierte mich Otto Dix und in der überdachten Markthalle kamen alle meine Sinne so richtig auf ihre Kosten. 

 

In einem wenig besetzten Lokal bestellte ich um drei einen Teller Pasta und ein Glas Rotwein. Am Nebentisch traf sich ein Paar zum ersten Date und ich wurde erneut unfreiwillige Zeugin einer Konversation. Das Gespräch zielte eindeutig darauf ab, die Lage abzuchecken. Als die Kinderfrage auftauchte (bei ersten Treffen!), hätte ich mich liebsten in meine Nudeln verkrochen. Die Details und die funkensprühende Flirterei war mir dann doch eine Spur zu intim. Ich bezahlte schnell und suchte die Flucht. 

 

Auf der Heimreise liess ich wegen des leeren Handy Akkus und eines Mißverständnisses zwei Anschlusszüge verstreichen und wartete eine Stunde lang auf den weissen Volvo meines Liebsten. Die unzähligen, lustigen, inspirierenden und nährenden Eindrücke aus Stuttgart hielten aber glücklicherweise mein Kopfkino am Laufen und überbrückten die Warterei am Perron.

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