Women's march Zürich

Ich habe lange überlegen müssen, wann ich zuletzt an einer Demo teilgenommen hatte. Es muss nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl gewesen sein. Danach bereiste ich in die Welt und später kamen die Kinder. Eins nach dem andern.

 

Mein Mann und ich konnten unser Ideal, Einkommen und Erziehung zu teilen nie realisieren. Ich mochte aus Erschöpfung und Überforderung mit den Kids lange nicht mehr im Aussen arbeiten. Mein Mann rang stets mit den Arbeitgebern, um sein Pensum zugunsten der Familie zu reduzieren.

 

Zwanzig Jahre Mutterschaft sind ehrbar und ich bin stolz auf meine "Brut". Seit fünf Jahren versuche ich wieder ins Berufsleben einzusteigen und scheitere daran, dass ich keinen geraden Lebenslauf vorweisen kann und mehrheitlich halt nur Mutter und Hausfrau war. Verdammt weh getan hat die Bemerkung eines dreissigenjährigen Chicks, als ich einen CAS-Lehrgang besuchte, um meine Berufschancen zu erhöhen: "So dahergelaufene Hausfrauen wie du senken das Niveau des Kurses!" Ich habe mir danach die Wunden geleckt und gedacht: "Schätzli, du hast einfach keine Ahnung!"

 

Nun - ich bin heute nicht verbittert über mein Leben, aber ich finde, es ist immer noch a mens world. Es ist einfach Sexismus zu ignorieren, wenn man davon profitiert. Als ich vom "Womens March" in Zürich hörte, bekam ich Lust auf ein Bad in der Frauensolidarität, wollte den Politikern, Arbeitgebern, Religionsoberhäuptern und Frauen in patriarchalen Ländern mit meiner solidarischen Präsenz ein Zeichen setzen. Und die Aussicht, mit meiner erwachsenen Tochter einen schönen Mutter-Tochter-Tag zu verbringen, war auch verlockend.

 

Ich war überwältigt. Von der Kraft des Feldes.

 

15'000 Menschen zogen durch Zürich. Meine Vision von einer friedlichen, solidarischen Welt, in der alle dieselben Chancen haben und zugehörig sind, hat Nahrung bekommen. Wellen von Gänsehaut hatte ich fort und fort. Diese Bilder bleiben unvergessen: Das Kleinkind mit dem pinken Nuggi, das bei seinem Papi auf den Schultern sass und mich mit leuchtenden Augen anlachte. Die ergrauten Feministinnen der ersten Stunde, die kichernd von alten Zeiten berichteten. Menschen in Rollstühlen haben sich nicht vom Regen abhalten lassen. Das grosse Staunen auf der Rathausbrücke, als der pink-bunte Menschenzug beim Zurückschauen zu der Rudolf-Brun-Brücke kein Ende nehmen wollte. Ein Rotbart proklamierte auf einer Kirchentreppe lauthals, die Verfehlten müssten Busse zu tun. Dieser dogmatische Prediger und ein anderer Passant, der mir und meiner Tochter nachrief, wir gehörten einer Randgruppe an, sind mir Motivation und Beweis, dass es immer noch notwendig ist, sich zu formieren und die alten (Glaubens-)Zöpfe abzuschneiden.

 

Der neue Feminismus ist für mich eine Bewegung, eine Kultur der Gleichwertigkeits- und Chancengleichheit. Ich teile die Ansicht mancher Frauen nicht, dass Feminismus nur den Frauen "gehört". Männer gehören unbedingt mit in den Diskurs. Ich wünsche mir und begrüsse es, dass sie mitdenken, wie wir alle unsere gesellschaftliche Zukunft gestalten.

 

We can't keep quiet! Bis es sich stimmig anfühlt.

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* 21.-24. November 2018, Wien

  

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Lesungen können mit und ohne musikalischer Begleitung gebucht werden.

Reportagen und Interviews:  kontakt@rose-marie-gasser-rist.com

 

Verlegerin:

Cornelia Linder

Tel: 0049 - 8053 - 7992952 | Fax: 0049 - 8053 - 7992953 | e-mail: linder@sheema.de 

 

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laufende Buchprojekte: 

 

*AMBER (Band 2 der Bernsteinsaga)

 AMBER ist im Lektorat und wird voraussichtlich an Weihnachten  2018 im Sheema Verlag erscheinen. 

 

* ESMERALDA (autobiographische Erzählung 2014) 

wird neu lektoriert und bei BoD herausgegeben und ist Herbst im Handel erhältlich 

 

*MEIN KIND IST EIN EINHORN - Paralleluniversen des Alltags

die besten und beliebtesten Blogs von 2015-2017. Die Kurzgeschichtensammlung erscheint im Herbst 2018 bei BoD