Das Ende der Schoko-Muffins-mit-Smarties-ära

Ich bin eine höchst untalentierte Kuchenbäckerin. Dies haben meine drei Kinder in den letzten Jahren aushalten müssen. Die Grosse wurde neulich einundzwanzig Jahre alt. Ich erinnere mich an ihre erste Kinderparty am zweiten Geburtstag als sei es gestern gewesen. Vor neunzehn Jahren hatte meine Karriere als durchzogene Geburtstagskuchenbäckerin begonnen und endet jetzt mit einem Paukenschlag: mit der allerallerallerallerletzen Kinderkuchen-Back- Aktion und einem Erlösungsseufzer aus tiefster Brust.

 

Schokoladen-Muffins-mit-Smarties sind der einzige sichere Wert, den ich meinen Kindern habe anbieten können. Alle anderen Versuche, ihnen einen schönen, lustigen, hippen, angesagten, wohlschmeckenden Kuchen zu backen scheiterten. Kläglich.

 

Andere Mütter schafften es mit links, ihren Kindern die Wunschkuchen zu backen. Großartige Kreationen gab es bei anderen Kindergeburtstagen: Torten und Kuchen mit Lilliyfees, ganzen Fussballszenen, Bob-dem-Baumeister und seinem Wagenpark, Yakari hoppelte über eine Tortengussprärie, Barbie und Ken küssten sich in Marzipan und noch viele andere Zauberwerke. Die Latte lag immer sehr, sehr hoch.

 

Immer schon Wochen vor dem Jahrestag hatte ich Schweißausbrüche. Einmal im September und ganz schlimm im Januar. Kaum war der Weihnachtszirkus vorbei, schlotterte ich schon beim Gedanken an die beiden kommenden Kindergeburtstage im Februar. Vor meinen Kindern versteckte ich meine Versagenspanik so gut es ging. Ereignis um Ereignis nahm ich einen neuen Anlauf. Ich wollte meine Knirpse nie enttäuschen, sie nicht erneut vor ihren Freunden langweilig dastehen lassen.

 

Einmal besorgte ich uns ein supercooles, bebildertes Backbuch mit tollen Inspirationen. Dieses Mal sollte es gelingen! Nun, auch dieser Kuchen wurde eine Pampe, ein regelrechtes Desaster, weil die Zutaten aus dem Deutschen Zauberbuch sich nicht eins zu eins durch Schweizer Produkte hatten ersetzen lassen. Buttercreme und Fruchtglasur sahen einfach nur traurig aus! Danach sagte ich beherzt zu meinen Knirpsen:

 

„Sorry, Kinder ich pack das nicht! Ab jetzt gibt es Schoko Muffins mit Smarties, das kriege ich hin!“

 

Das hat sich bewährt. Immerhin habe ich meiner erwachsenen Tochter zu ihrem Zwanzigsten eine Cremetorte mit einem putzigen Einhorn obendrauf für einen stolzen Batzen gekauft. Ein Mal im Leben sollte sie etwas Tolles aufgetischt bekommen.

Am letzten Donnerstag erklärte sich der Jüngste zur Mithilfe bei der Backaktion bereit. Er ist sehr einfühlsam und weiss mittlerweile, was ich durchmache. Nach zwei Stunden Schmelzen, Rühren, Dekorieren von drei Schokoladenkuchen in Varianten (Muffins für die Schule, eine Torte für die Geburtstagparty, einen Cake für seine Mannschaft), stöhnte Sohnemann:

 

„Ich mag nümme!* Und mir ist schlecht vom Schlecken.“

 

Ich erklärte mich bereit, alleine die Küche aufzuräumen und entliess ihn in die Sonne zum Fussball spielen. Er hatte mein ganzes Mitgefühl, denn er sprach mir aus dem Herzen:

 

„Ich mag au nümme!“

 

Der Kuchen ist ja das eine. Das andere – die Kinderpartybespassung - ist für Eltern auch eine enorme Herausforderung. Für die Knirpse ist eine coole Geburtstagsfete ein Gradmesser der Beliebtheit. Die Angebote haben sich in meiner einundzwanzigjährigen Mutterkarriere exponentiell entwickelt. Früher reichten ein wenig Ringelreihe und Schlangenbrot am Feuer. Heute sind Besuche im Kino, bei MacDonalds, in Indoor-Spielplätzen und Funparks angesagt. Alles schön deftig ins Geld gehend.

 

Wir sind eher die Frischluft- und Einfach-ist-gut-Menschen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Kinderhorden am besten im Wald oder im Freien zu bändigen und zu begeistern sind. Doch es hatte sich gezeigt, dass manche Knirpse bei frischer Luft und Wald die Krise bekommen. Eltern reagierten heftig auf dreckige Schuhe und eine mögliche Zeckengefahr, die von Ärzten und Medien zu einer Massen-Hysterie hochgepeitscht werden. Wir sind da ziemlich pragmatisch und finden nach wie vor, dass man sich auch ohne Impfung, mit guter Kleidung, Zeckenspray und Nachkontrolle entspannt in der Wildnis des Schweizer Mittellandes bewegen kann.

 

Das Fest unseres Jüngsten war ein schöner Schlusspfiff nach einer langen Ära. Das Wetter war uns hold. Neun Jungs waren eine gute Bande zum Tschutten und Räuber und Poli. Ganz ohne Erwachsene tobte die sich Truppe zwei Stunden lang auf dem Schulhof aus und vergass die Zeit. Hungrigen Raubtieren gleich machten sie sich danach über das Raclette her. Die anschließende Schnitzeljagd über Friedhof und durch den nachtdunklen Wald bescherte den Jungs die richtige Dosis Gänsehaut. Unser Jüngster flüsterte beim Einschlafen:

 

„Es war ganz schön gruselig. Aber das war ein total cooler Geburtstag. Schade, ist er schon vorbei!“

 

Mit diesem Wochenende geht nun meine Schoko-Muffins-mit-Smarties-Ära zu Ende und ich bin ziemlich happy darüber.

 

 

*ich mag nicht mehr 

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