Der Silvester Bann ist gebrochen

Mit vierzehn erlebte ich die bislang geilste Silvester Party. Das Setting war perfekt: Ich war zum ersten Mal richtig, richtig glücklich verliebt, der Junge und ich gelobten uns ewige Treue und wir gehörten beide einer total coolen Clique an, die die Party ausrichtete. Wir hatten allesamt einen geschmeidigen Rausch, kugelten uns vor Lachen auf den Küchenfliesen und wir tanzten wie die Kosaken.

 

Nie mehr kam ein Silvester an dieses damalige Gefühl von „Genau-so! Ausgelassen und übermütig muss sich das alte Jahr verabschieden, damit man vogelfrei ins Neue starten kann!“ heran. Die darauf folgenden Jahreswechsel mit der Clique schmeckten aufgewärmt und schal, weil der Treueschwur nicht anhielt und ich unter bitterbösen Liebeskummer litt.

 

Mit dem unsteten Lebenswandel wechselten jährlich Locations und Begleiter. Am letzten Tag des Jahres stimmte mal die Musik, mal die Entourage, mal der Partner nicht. Silvester fühlte sich stets wie eine Rakete mit lahmer Lunte, die nicht losging, an. Allenthalben zog ich es vor, lieber mit mir alleine vor der Glotze, als mit faden Leuten das Jahr zu verabschieden.

 

Mit den Babys kamen die Jahreswechsel, bei denen wir Eltern um halb zehn vor Müdigkeit kapitulierten. Denn unsere Brut pflegte auch am Neujahrstag keine Ausnahme zu machen. Jahrelang grüsste uns täglich um fünf das Murmeltier.

 

Es wurde nicht einfacher gleichgesinnte Party-Familien zu finden, weil wir mit drei heranwachsenden Kids in verschiedenen Altern einen stetigen Spagat machten. Wenn sich die Teenagergirls verstanden, zofften sich die Knirpse so heftig, dass keine Partystimmung aufkommen wollte. Fanden sich Jungs in spannenden Lego-Turnieren, gähnten sich Eltern betreten an. Die Chemie stimmte so gut wie nie.

 

2016 liessen wir Silvester heranrollen, wie eine unabwendbare Grippewelle, die über einen schwappt, aber nicht umbringt. „Feiern wird sowieso völlig überbewertet!“ sagten wir uns. Eine Reihe von Zufällen und Begegnungen katapultierten mich und meine drei Männer nach Hannover. Das liegt rund 700 km nördlich von unserem Wohnort, also nicht grad ums Eck für eine Silvester-Sause.

 

Aber ich bin immer offen für Neues und eine Reise, hatte eine unbekümmerte Lust, einfach hinzufahren und mein Mann Matthias stimmte aus Mangel an Alternativen und mit Blick auf das Rahmenprogramm zu. Fünf Tage lohnten auch den Weg. Das in der Ausschreibung stehende „Exzessives Fussballspielen“ triggerte unsere ballgeilen Jungs. Sie waren dabei.

 

Ein prächtiges Gut empfing uns nach der langen Autofahrt. Es sah einladend und urgemütlich aus. Der erste Mensch, der uns begegnete war ein Mann mit einem Gitarrenkoffer in der Hand. Matthias, selber passionierter Gitarrenspieler, entspannte sich. Das könnte gut werden. Es kam saugut! Abgefahren! Durchgeknallt! Oberhammer! Und noch eine Reihe weiterer Superlativen, die meine Begeisterung und mein Glücksgefühl gar nicht vollständig zum Ausdruck bringen können.

 

Angefangen mit der Vollverpflegung. Jede Mutter die nach Jahrzehnten, täglich Stunden mit Nahrungsbeschaffung und -zubereitung beschäftigt ist, freut sich wie eine Königin, sich an eine gedeckte Tafel zu setzen. Ist das Essen lecker, werden die Kinder satt und zufrieden. Und bin ich, die Panik vor leeren Kühlschranken hat, gut genährt, ist das schon mehr als die halbe Miete.

 

Es hatten sich dreissig grosse und kleine Menschen eingefunden. Wir kannten niemanden. Als Schweizer Familie waren wir von Beginn weg die Exoten im Rudel der Deutschen. Unsere kehlig-knirschende Sprache war Aufhänger für allerlei neugierige Fragen und liebevolle Frotzeleien. Dies brachte unsere Jungs auf die Idee, ein Schwyzerdütsch Quiz bei der Silvester Gala als Showeinlage zu bringen.

 

Wir Eltern bekamen ein Kuschelzimmer. Die Jungs wurden mit Gleichaltrigen in einem Mehrbettenzimmer untergebracht. Da hüpften die Testosterons vor Freude. Von unseren Jungs haben wir ausser bei den Mahlzeiten und am Silvester Abend nichts mitbekommen. Sie waren total absorbiert vom Fussballspielen und vom Hardcore Memory. Beides betreute Helmut, ein vor Vitalität strotzender Mann Ende fünfzig, unter Einsatz seiner ganzen Lebensfreude. Die Kinder hingen wir Trauben an der Rispe an ihm. Helmut hat bei uns jetzt Heldenstatus.

 

Die Erwachsenen machten Yoga, tanzten oder musizierten. In wenigen Stunden entstand in einer Runde ein Song, ein richtiger Ohrwurm, der kaum mehr aus dem Kopf geht. Zwei junge Schwestern Anfang zwanzig leiteten Singkreise und Improvisationstheater an. Ihre Natürlichkeit und Unbeschwertheit waren so gewinnend, dass wir älteren Semester uns ihnen anvertrauten und wie die Kinder herumalberten.

 

Die Tage waren gefüllt mit guten Gesprächen mit den Fremden, die nach kurzer Zeit zu Freunden wurden. Bei ausgiebigen Spaziergängen durch das von Backsteinhäusern geprägte Dorf und die topfebene Landschaft lüfteten wir den Kopf vom alten Jahr aus. Jeden Morgen traf sich die Gemeinschaft zu einem Austauschkreis. Wir wurden dazu eingeladen, das alte Jahr zu reflektieren und Wünsche für das neue Jahr zu formulieren. Es ist ein Geschenk, Zeuge von ganz persönlichen Visionen zu werden. Es ist das noch grössere Geschenk, seine geheimsten Gedanken einem Feld von gutgesinnten Menschen anvertrauen zu dürfen und zu wissen, dass sie gut aufgehoben und wohlwollend mit in die Welt hinaus getragen werden.

 

Ich wünschte mir, dass ich bis Ende 2017 mein Buch AMBER fertig geschrieben, mit einem Verlag ein wunderschönes, fertiges Paket geschnürt habe und dass wir mit unseren Liedern mehr nach Aussen treten. Der darauf explodierende Applaus von sechzig stampfenden Füssen und frenetisch klatschenden Händen, die zustimmenden Blicke „YES! go for it!“ war der geilste Zuspruch und Energiebooster, den ich je in meinem Leben für eine Herzensangelegenheit bekommen habe. Keiner zweifelte an meinem Vorhaben. Warum sollte ich es denn? Jeder Mensch sollte ab und zu im Applaus baden dürfen. Was da an Energien und Glauben frei gesetzt wird!

 

Am Silvester Abend gab es eine bunte Gala mit Darbietungen, Gesang und Tanz. Der begnadete DJ Zorro brachte uns zum Schwitzen. Eltern wie Kids wirbelten zur wilden Partymusik herum. Um Mitternacht gab es ein offenes Feuer im Freien, Sternzeichenraketen sorgten für Stimmung. Es dauerte eine Weile bis sich alle innig umarmt und der Menschheit alles Glück der Erde für 2017 gewünscht hatten. Es floss bescheiden Alkohol. Beschwipst haben die exorbitant gute Laune und die bunte Gemeinschaft aus Dicken und Dünnen, Schreihälsen und Leisetretern, wild Gestikulierenden und zarten Pflänzchen. Um halb zwei konnte ich mich nicht mehr auf den Beinen halten. Wir übergaben unsere Jungs bedenkenlos der Obhut der letzten Partyhasen. Sollten unsere Kinder doch tanzen bis zum Umfallen. An dieses Fest werden sie sich ein Leben lang erinnern.

 

Am Neujahrstag flossen Glückstränen beim Abschied. Eine Sehnsucht, die lange geschlummert hatte, war ans Licht gekommen und sich mit diesen Wunder vollen Tagen erfüllt. Ich sehnte mich immer nach wohlwollender Gemeinschaft, in der Kinder und Eltern gleichzeitig Platz haben und auf ihre Kosten kommen. Ich bin sowenig wie die meisten Menschen für das Alleinerumwurschteln geschaffen, in das uns die Leistungs- und Konsumgesellschaft manövriert hat.

 

Menschen brauchen Menschen, eine lebendige Gemeinschaft, die stärkt statt Zweifel sät, die Lob statt Häme austeilt, die integriert statt ausgrenzt. Frauen brauchen Frauen, Männer brauchen Männer, Kinder brauchen Kinder. Wir wachsen in einer guten Gesprächskultur, in der zugehört wird. Eine Willkommenskultur ist ein fruchtbarer Acker, auf dem sich Fremde begegnen, sich gegenseitig inspirieren und das Feld gemeinsam bestellen können. Spielen weckt in uns Erwachsenen kindliche Albernheit. Und schliesslich sollten wir uns richtig fette Feiern gönnen, um das Menschsein und das Leben zu zelebrieren!

 

Die Jahresende Celebration 2016 war eine Oase nach einem langen Ritt durch die Wüste. Möge mein Silvester Bann für immer  gebrochen sein!