Die Reisegruppe in meinem Kopf

Ich bin eine Reisende. Nichts macht mich lebendiger, als Neues zu entdecken, fremde Gerüche zu wittern, als Geschichten zu lauschen. Alle Sensoren sind ausgefahren und auf Empfang, wenn ich „on the road“ bin. Die Eindrücke sind Spielzeug für meinen Geist. Wofür brauche ich einen Fernseher? Menschen und das pralle Leben sind mein Entertainment. Was mir im Aussen begegnet, nehme ich auf, wird wie in einem Kuhmagen widergekäut, verdaut, transformiert und kommt am anderen Ende mit Verzögerung, manchmal Jahre später als Geschichten heraus.

 

Seit ein paar Monaten begleitet mich eine Reisegruppe. Im Kopf. Fünf weibliche Persönlichkeiten, die mehr und mehr Charakter und Konturen bekommen. Sie drängen mich, „fürsi“ (vorwärts) zu machen, sie wollen „geboren“ werden. Ich stelle mir Inkarnation so vor: Seelen stehen in einer endlosen Schlange im Paradies vor einer riesigen Rutsche. Da wird gedrängelt und geschubst, jeder will erster sein, kann es kaum erwarten auf die Welt zu kommen. Immer wenn auf Erden ein Paar in Liebe oder Lust zusammen kommt und ein neues Menschlein erschafft, blinkt ein grünes Licht auf. Dies ist das Zeichen für den Vordersten, zu rutschen und unten in das Fleischklümpchen zu schlüpfen, es zu beseelen.

 

So steht auch die bunte Frauentruppe bereit zum Absprung. Jede drängelt und zappelt vor Ungeduld! Jede will ihre Geschichte erzählen, damit ich sie auf Papier bringe. Wie muss ich die Damen immer wieder zur Raison bringen. Alles braucht seine Zeit, Ladies! Und jede der Reihe nach!

 

Mit TRUDE (*1908) hat alles angefangen. Diese Dame gab es wirklich. Ich habe Trude mit ihren vitalen achtzig Jahren 1988 in Brisbane kennen gelernt habe. In meinem Buch Esmeralda habe ich ihre Odyssee von Estland über St. Petersburg nach Australien nacherzählt. Ihre faszinierende Migrationsgeschichte ist wahr, die Kinderzahl stimmt, einen deutschen Mann gab’s auch. Alles andere – das oute ich hier jetzt, sorry - entsprang purer Fabulierlust. Die Geschichte in Esmeralda endet, wie Trude ihren geliebten Mann Valentin und den ältesten Sohn beim Japanischen Luftangriff von Darwin 1942 verliert. Viele Leser haben mich gefragt, ja und jetzt? Was ist denn aus ihr geworden?

 

In der Reihe gleich hinter Trude steht Mutter MARTHE (*1878) und winkt mir zu: „Meine Reise ist auch bemerkenswert!“ Marthe ist mit ihrer Familie auf einem Fuhrwerk um die Jahrhundertwende vom Schweizerischen Emmental nach Estland ausgewandert. Sie ist eine gschaffige (arbeitssame) und züchtige Frau. Wie war es damals in der Schweiz in der Zeit der Industrialisierung, worauf ist die Täufer Familie im Baltikum gestossen? Das möchte erforscht und niedergeschrieben werden!

 

Trudes Tochter ANNIE (*1939) gibt es auch in echt. Sie schickte mir 1998 einen letzten Brief von Trude, den sie mir auf dem Sterbebett geschrieben hatte. Annie lebt in Brisbane, hat hohe Ansprüche an sich selbst und andere, ist diszipliniert und korrekt. Sie reist nicht. Sie wohnt mit ihrem biederen Mann Malcolm in einem bürgerlichen Haus mit Swimmingpool, hat manikürte Finger, kommt immer wie aus dem Ei gepellt daher. Die Highlights der Woche sind die samstäglichen Barbecues, Tupperparties mit ihren Freundinnen oder Wohltätigkeitsbasars in der anglikanischen Kirche. Die zwei Kinder könnten unterschiedlicher nicht sein. Der Sohn kommt wohlgeraten ganz nach dem Sinn der Eltern.

 

Aber Tochter MEILIN (*1961) ist eine wilde Hummel! Mit knapp zwanzig brennt sie mit einem französischen Backpacker durch. Die Biederkeit ihres Elternhauses ist für die temperamentvolle und lebenshungrige Frau wie ein Gefängnis. Sie reist mit dem Franzosen nach Marokko und landet schliesslich in Südfrankreich in einer Hippiekommune. Meilin lässt nichts aus; Drogen, Alkohol, Männer, Frauen. In Walter, einem Schweizer, der im Retreat spirituelle Erleuchtung sucht, findet sie für kurze Zeit Halt. Er ist der Vater von AMBER, die in der Kommune zur Welt kommt. Meilins Exzesse machen es ihr unmöglich die Tochter selber zu versorgen.

 

AMBER (*1986) kommt mit roten Haaren zur Welt. Den Namen verdankt sie einem Bernstein, der ihre Ururgrossmutter Marthe auf dem Weg ins Baltikum in der Bucht von Riga gefunden hatte, und jeweils von Mutter zu Tochter weitergereicht wurde. Amber ist erleichtert, als ihr Vater sie mit zwölf zu sich nach Zürich holt. Ihr Dad wird ihr ruhiger Pol, der sie mit seiner klugen Weltsicht prägt. Sie beginnt sich für globale Zusammenhänge zu interessieren, studiert und engagiert sich politisch.

 

Die Frauen meiner Reisegruppe unterhalten sich in meinem Kopf, diskutieren über das Weltgeschehen aus den verschiedenen Perspektiven, streiten über gewisse Standpunkte. In einer Sache sind sie sich aber einig: Es wird allerhöchste Zeit, dass sich die Frauen weltweit erheben und sich eingeben. Es braucht dringend mehr Herz, Solidarität und Intuition auf diesem Planeten.

 

Mit dieser illustren Frauentruppe bin ich noch eine Weile unterwegs und bin gespannt, wohin uns die Reise führt.