Kalter Angstschweiss in New Orleans

Für New Orleans hatte ich lange gespart. Mitte zwanzig waren die Mittel und drei Wochen Urlaub beisammen für den Sprung über den Atlantik. New Orleans beeindruckte mich. Ich fuhr mit dem Schaufelraddampfer auf dem Mississippi, hörte Dixie und Jazz in schummrigen Bars und sah den Mond über der Bourbon Street. Auf Trödelmärkten stöberte ich antike Bücher und Bilder auf und beim Bestaunen der prächtigen Holzgebäude anerkannte ich, dass die Architektur eines der wenigen schönen Erbe aus der Kolonialzeit ist. Im French Quarter trank ich die beste heisse Schokolade meines Lebens, ob es an der Bourbon Vanille oder am Marshmallow lag, kann ich nicht mehr sagen. Dass ich mit Patti Smith in einem Plattenladen geplaudert hatte, realisierte ich erst, nachdem ich bereits aus dem Geschäft war und mich beim Schlendern durch die Gassen fragte, warum mir diese Frau bekannt vorkam.

 

New Orleans war fast perfekt für meinen Reiseappetit, doch dem Meer so nah zu sein und nicht hinzugehen, ist für mich ein No-Go. Es stellte sich als äusserst schwierig heraus, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Meer zu kommen. Eine sehr beleibte Frau, die mich einmal am Strassenrand aufgepickt hatte, die beim Fahren getrocknete Schweinehaut – Pork Skin tönt weniger übel - aus einer Tüte mampfte und beim Sprechen Krümel an die Scheibe spuckte, erklärte mir warum: „Amerikaner sind Autofahrer! What the f... why are you walking!?“ Ich entschuldigte mich, dass ich nur etwas durch die Gegend spazieren wollte.

 

Nun, es gab keinen Badestrand im Sumpfland New Orleans und es fuhr kein Bus zum nächstgelegenen, im 200 Meilen entfernten Pensacola in Florida. Ein junger Afroamerikaner, um die zwanzig hatte meine Konversation mit der netten Dame am Busschalter mitbekommen und sprach mich an.

 

Hey! Ich kann Dich hinfahren!“

 

Ich zog erst mal scharf die Luft ein und scannte den Amerikaner von oben bis unten. Er war dünn, trug ausgebeulte Jeans und ein T-Shirt, das aussah, als hätte er es schon zwei Wochen am Leib. Der Bursche sah grad auf Anhieb nicht wie ein Gangster aus, aber doch auch nicht wie ein vertrauenswürdiger Kumpel. In Sekundenschnelle wog ich die zwei Varianten ab: Meer mit Risiko oder kein Meer mit Reue. Mutig sagte ich zu und wir handelten den Deal aus. Nathaniel würde mich am folgenden Tag um acht im Hotel abholen, zum Strand hin- und abends zurück in die Stadt fahren. Ich bezahlte das Benzin. So weit so gut.

 

Spät nachts, ich war gerade am Einschlafen, als es an meiner Zimmertür klopfte. Ich öffnete die Tür, gesichert mit einer Kette, einen Spalt.

 

„Ich bin’s Nathaniel. Kannst Du mir das Geld jetzt schon geben? Ich habe noch nichts gegessen!“ - „Nein, wir haben vereinbart, dass ich vor der Fahrt die Hälfte und nach der Fahrt den Rest bezahle!“ - „OK, sorry für die Störung.“

 

Eine halbe Stunde später, beim Hinübergleiten ins Traumland. Nathaniels Stimme durch die Tür:

 

"It’s me again. Ich bin wirklich hungrig!“-„Nein! Wir haben einen Deal!“-„OK, sorry für die Störung.“

 

Wieder später, das Einschlafen ist schon etwas weniger entspannt:

 

„It’s me again. Ich kann nicht schlafen, mein Magen knurrt!“-„Ich kann auch nicht schlafen, du weckst mich die ganze Zeit!“-„OK, sorry für die Störung. Aber ähm, könntest du mir doch schon was geben?!“-„Nein, hau ab!“

 

Zehn Minuten später, ich schlafe nicht:

 

„Wenn ich hungrig bin, kann ich nicht schlafen und morgen nicht fahren!“-„Hör mal, das ist mir mittlerweile egal, ich verzichte auf Dein Angebot. Verzieh Dich!“-„Du wolltest doch zum Meer, nicht ich!“

 

Das Spiel ging noch eine ganze Weile. Er schaffte es, mich weichzuklopfen! Eine Mischung aus Mitleid mit dem Kerl, meinem sturen Kopf, der ans Meer wollte und dem Wunsch, endlich schlafen zu können, bewog mich dazu, ihm einen Zehndollarschein durch den Türspalt zu reichen.

 

Wenige Sekunden danach, kam mir in den Sinn: “Was, wenn mich der Kerl übers Ohr hauen will!?“ Ich pfiff Nathaniel zurück, der gerade auf dem Absatz kehrt machte.

 

Ich:„Gib mir Deinen Ausweis! Ich möchte eine Sicherheit für das Geld!“

Er: „Nein gebe ich Dir nicht, wie kann ich Dir vertrauen??"

Ich staunend in Gedanken: „Er MIR vertrauen!???“

Er: „Es ist das einzige offizielle Dokument, das ich habe!“

 

Wir konnten uns darauf einigen, dass ich ein Foto vom Ausweis machen konnte. Die Nacht wurde zu einer der Schlimmsten meines Lebens. Es sprang mich plötzlich aus dem Nichts eine Panik Attacke an.Nach der Hot Chocolate Superlative die Paniksuperlative! Ich bekam nackte Angst und konnte kein Auge zutun. Nathaniel klopfte nicht mehr an. Aber ich malte mir aus, dass er mit seiner Gang kommen, mich überfallen, ausrauben und killen würde. Meine Fantasie kann sich ziemlich was ausdenken. Ich hatte am ganzen Körper einen Film aus kaltem Angstschweiss. Ich tröstete mich und fühlte mich ziemlich schlau damit; dass ich vorgesorgt hatte: Meine Nachwelt würde Name und Ausweis des Mörders in meiner Kamera finden! Dass die Kamera auch gestohlen werden konnte, kam mir damals nicht in den Sinn.

 

Jeder mit gesundem Menschenverstand hätte die Geschichte an diesem Punkt abgebrochen und die zehn Dollar ans Bein gestrichen. Nicht ich. Nathaniel stand am nächsten Morgen pünktlich um acht mit neuem Hemd, frisch geduscht und mit einem breiten Lachen vor der Tür.

 

Es wurde ein prächtiger Tag am Strand von Pensacola! Nathaniel entpuppte sich als smarter Reisebegleiter, von dem ich einiges über den Alltag in New Orleans und die Diskriminierung der Schwarzen erfuhr. Das Meer schenkte mir, womit es mich immer wieder lockt, mit einem Gefühl von Freiheit und unbändiger Lebenslust.