I'm in love with my typewriter

… oder wie man sich nicht mit einer beschissenen Ausgangslage abfinden muss

 

Ich habe diese Tage unseren Pubertären mit dem iPod ausserhalb der abgemachten Medienzeit auf seinem Bett lümmelnd erwischt. „Sohn! Du machst mich stinkesauer, Du hältst Dich nicht an die Abmachung!“- „Hey nein! Chills mal - ich mache Hausaufgaben! Ich muss „Typewriting“ üben!“-„ Auf dem iPod?!?“

 

Es folgte eine dieser ermüdenden Grundsatzdiskussionen über Arbeitshaltung, die sowohl bei Eltern als auch dem Kind Augenrollen hervorrufen, weil man nie auf einen gemeinsamen Nenner kommt. Immerhin erfuhr ich mehr über das Schulfach, bei dem die Schüler das Zehnfingersystem den neuen Medien angepasst, online erlernen. Unser Junge äusserte seinen Widerwillen gegen das langweilige Üben. Ich kann es ihm nicht verübeln, war doch meine Einweihung in die Kunst des Zehnfingerschreibens ein Schreiten durch ein finsteres Tal.

 

In meiner Jugend löste mir der Gedanke an eine Schreibmaschine Angstschweiss aus. Anfang der 80 er Jahre -  also lange vor dem Zeitalter der Laptops und iPods -  lernten die kaufmännischen Lehrlinge in der Berufsschule das Zehnfingersystem auf halbmechanischen Schreibmaschinen. Mit Strom war der Tastaturanschlag im Vergleich zu den mechanischen Vorgängern um einiges sanfter. Soweit so gut. Zum Üben stand mir zu Hause aber nur eine alte, mechanische Adler zur Verfügung. Für modernen Firlefanz war auf dem Bauernhof kein Bedarf. Die Milchrechnung schrieb sich gut mit der soliden Mechanik.

 

Unser Schreibmaschinen-Lehrer war ein jähzorniger Zwerg. Wie Rumpelstilzchen stampfte er auf, wenn sich jemand getraute, eine Frage zu stellen. Er dirigierte der Klasse den Anschlag im Takt. Wer raus fiel, erntete einen bösen Blick oder eins auf die Knöchel mit dem Holzlineal.

 

Sanft stimmten ihn ein betörender Augenaufschlag, ein tiefer Ausschnitt oder lackierte Fingernägel. Die Glücklichen, die diese Attribute besassen, erhielten Höchstnoten. Mein Pech war, dass ich damals pummelig war, mich und meine Selbstzweifel lieber in weite Kleider hüllte. Sein Marschallton schüchterte mich so sehr ein, dass ich mehr als oft daneben haute und keine Zeile ohne Tippfehler schaffte. Ich bekam im Zeugnis grad noch eine Genügend. Dies aber wohl mehr, weil der Stolz des Lehrers es nicht zuliess, einen Schüler in diesem Idiotenfach (O-Ton Lehrer) durchfallen zu lassen.

 

Schreiben ist Übungssache. Das sah auch mein gütiger Lehrlingsbetreuer, dem ich mein Dilemma mit der alten Schreibmaschine zu Hause und dem gestrengen Lehrer berichtete. Er ordnete an, dass ich in meiner Mittagspause täglich eine halbe Stunde im Lehrbetrieb auf einer modernen Hermes üben durfte. Dies passte meiner direkten Vorgesetzten aber überhaupt nicht. Ihr ging das monotone Tippen in ihrer heiligen Pause auf den Geist. Folglich wurde ich in ein fensterloses Hinterzimmer verbannt. Das war nicht so schön.

 

Heute schreibe ich flott und flüssig mit zehn Fingern auf allen möglichen Schreibgeräten. Mehr als dreissig Jahre Praxis haben mich das finstere Kapitel vergessen lassen. Rumpelstilzchen und die vergrämte Lehrmeisterin waren ja auch nur Menschen, die den Frust über ihren unbefriedigenden Job an einem Opfer ausliessen. Der Schreibmaschinenlehrer musste es nach meiner Lehrzeit jedoch auf die Spitze getrieben haben. Denn einmal stiess ich auf einen Artikel in der Lokalzeitung, der davon berichtete, wie er von einem Schüler mit einem Küchenmesser attackiert wurde. Hoppla!

 

Es ist ziemlich erstaunlich und ich bin glücklich darüber, dass das Schreiben jetzt meine Königsdisziplin ist. Konnte ich doch lange keine Geschäftskorrespondenz ohne zittrige Hände erledigen. Die Erfindung von Tipp-Ex und der Einzug der Computer mit der Korrektur Taste waren mein grosser Segen! Heute ist mein Leben leicht und froh, weil ich meine Gedanken in die Tasten hauen kann, ohne über die Finger zu stolpern!

 

Eine ungünstige Ausgangslage muss einen nicht fürs Lebens prägen, man kann über sich hinaus wachsen. Dies zeigt uns seit Sommer auch Sohnemann, der seit dem Übertritt in die Oberstufe aus seinen „Hass-Fächern“ Mathe und Französisch plötzlich eine Kür macht. Er überrascht uns und sich selbst damit, dass er die Fächer dank der neuen Lehrer jetzt mag und als angenehmer Nebeneffekt Bestnoten schreibt. Den Bogen mit und den Gewinn vom „Typewriting“ kriegt er auch noch raus!

 

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TRUDE 

 

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Buchhandlung Bodan Kreuzlingen, Hauptmasse 35, CH-8280 Kreuzlingen/TG  

Autorinnenlesung, Musikalischer Rahmen: Matthias Rist

 

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Autorinnenlesung, Musikalischer Rahmen: Matthias Rist

 

 

  

 

* TRUDE * ESMERALDA und mein KIND IST EIN EINHORN 

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