Nuggnägel, leer gehen und elsig tun - Familiencodes

Wahrscheinlich kreiert jede Familie im Laufe des Zusammenlebens so ihre eigenen Begriffe und Wortschöpfungen. Die werden dann oft Familiengeheimcodes, die von Generation zu Generation weitergegeben werden, die Außenstehende nicht verstehen. Wir lieben und hüten unsere Kreationen! Manchmal entstehen sie aus süssen Plapperworten (z.B. „Atsch“ für  Ketchup). Es kommt vor, dass wir einen Begriff nicht kennen und einfach selber erfinden.

 

Wir haben zum Beispiel bis heute nicht herausgefunden, wie man das Häutchen nennt, das sich vom Fingernagelbett löst, schmerzhaft einreissen kann und bei jeder Handarbeit lästig ist. Man möchte diesen Störenfried abbeissen, doch dies macht die betroffene Stelle wund und alles schlimmer. Statt lange um den Brei zu reden, was den nun bei Spiel und Werken beeinträchtigt, nennen wir familienintern das Problem: Ich habe einen „Nuggnagel“. Alle wissen, wovon der Betroffene spricht, dass es unangenehm, aber nicht lebensbedrohlich ist und halt einfach Geduld braucht, bis sich das Häutchen ausgewachsen hat. Ganz genau lässt sich nicht eruieren, von wem der Ausdruck stammt, wann oder wie er geschaffen wurde. Wahrscheinlich kommt er vom Nuckeln (Nuggele in Schweizerdeutsch) und Rumbeissen am Fingernagel.

 

Inspirationen sind aber auch Personen. So haben sich bei uns zwei Redewendungen etabliert, die durch zwei Frauen angeregt wurden, die längst in Frieden ruhen. Beide wissen nicht um ihr Glück, dass sie bis heute in unserem Alltag lebendig, fast legendär sind. Die eine ist Pauline. Meine Mutter arbeitete in den Fünfzigerjahren in einem Wirtshaus als Mädchen für alles. Die Chefin des Hauses war eine gestrenge Feldweibelin, die den Laden diszipliniert führte. Sie pflegte allen, insbesondere meiner Mutter, die damals blutjung und formbar war, zu sagen: „Man geht nie leer!“ Damit meinte sie, dass in dem grossen Betrieb immer etwas von A nach B zu tragen war, man den Kopf bei der Sache behalten musste und es eine Verschwendung war, mit leeren Händen durch die Gegend zu spazieren.

 

Ich lernte den Begriff quasi mit der Muttermilch. Wir fünf Kinder wuchsen mit Eltern und Grosseltern in einem mehrstöckigen Bauernhaus auf. Meine Mutter legte Kleider, Gefässe, Werkzeug usw. die von einem Stock zum andern befördert werden mussten auf den Treppenabsatz. Und immer, wenn jemand der vielen Menschen, nach oben oder unten stieg, musste er das Gut mitnehmen und zum Zielort bringen. Ich habe später dasselbe meinen Kindern eingeimpft. Auch wir leben in einem mehrgeschossigen Haus. Und statt ein einzelnes Playmobilmännchen in die Spielkiste im Dachgeschoss zurückzutragen, liegt es auf dem Treppenabsatz bis der nächste im Estrich das Klopapier zum Nachfüllen holen muss. Die Kinder dürfen auch nie vom Tisch, ohne etwas abzutragen. Heutzutage verkauft man das als energie- und ressourceneffizient in teuren Coachings. Es amüsiert uns, dass Pauline selig uns beim Ordnung halten hilft, obwohl niemand die Wirtsfrau persönlich gekannt hat.

 

Grossmutter Elsa ist die andere, an die ich regelmässig denken muss. Grosi Elsi wohnte mit uns auf dem elterlichen Hof. Sie stand im Schatten unseres Grossvaters, der als Politiker und Zampano in der Region im aussen wirkte. Elsa dominierte aber im Haus mit ihrer Präsenz. Unter uns heranwachsenden Enkeln schlich sich hinter vorgehaltener Hand die Redewendung „Tu nicht so elsig“ ein. Damit waren die komplexen Eigenschaften unserer Grosi in einem Begriff zusammengefasst: „Sei nicht knauserig, stecke Deine Nase nicht in Angelegenheiten, die Dich nichts angehen. Sei nicht so wehleidig. Zier Dich nicht, wenn man Dir etwas anbietet – alle wissen, dass Du es Dir dann nachher hintenrum holst.“

 

Elsa war besessen neugierig, eine heimliche Schlecktante, hatte viele Zipperlein und sparte. Sie machte nachts zum Beispiel, wenn sie zur Toilette musste, nie Licht und tappte im bodenlangen Schlafrock und gefährlich ausgelatschten Pantoffeln durch die Dunkelheit über die verschiedenen Treppenabsätze. Sie verwendete für das feuchte Geschäft nur ein Blatt Toilettenpapier zum Abwischen. Ganz übel war, dass ich manchmal gefaltete, zum Trocknen ausgelegte Klosettblätter auf den Badewannenrand zur Wiederverwendung fand. Ich habe nie nachgefragt, wie sie es mit dem grossen Geschäft handhabte. Das wollte ich nicht wissen.

 

Komisch war, dass Elsi, wenn sie keinen Strom für den Staubsauger verschwenden wollte, mit Kehrschaufel und Handbesen den Teppich wischte. Die hartnäckigen Restkrümel hat sie anschliessend mit einem mit Spucke benetzten Finger weggetupft. Von ihr übernommen habe ich, Geschenkpapier und – bänder wiederzuverwenden. Ich bügle sie zwar nicht, wie Elsa es pflegte zu tun. Aber ich finde, es macht viel Sinn, guterhaltendes Material mehrmals zu verwenden. Es ist das Bewusstsein, das man nichts verschwenden, wir mit Ressourcen sorgfältig umgehen sollten und nichts selbstverständlich ist, was mich oft an sie und mein Elternhaus erinnert. Man kann Sparsamkeit bis zum Exzess betreiben, aber Güter und Wohlstand wertschätzen, das ist auch mein Credo.

 

Bei aller elsigen Kauzigkeit, ich mochte sie sehr. Aus meiner Kinderperspektive war eine andere Seite für mich viel wichtiger. Sie war meine Grosi;  füllig, weich, erfrischend schrullig und lieb. Sie war meine kleine Ruheinsel in meiner lebhaften und sehr lauten Familie. Ich liebte es, abends in ihrer Wohnstube zu sitzen, ihr beim Stricken Gesellschaft zu leisten. Wie schön war es, mit ihr im Advent Lieder im Kerzenschein zu singen. An Weihnachten gab es für alle zwölf Enkel selbstgestrickte Socken, Schokolade und einen Fünflieber. Man kann elsig tun UND ein warmes Herz haben! Und unvergesslich bleiben.

 

Werde ich meine Enkel auch einmal zu einer Redewendung inspirieren? Hoffentlich zu etwas  Charmantem ...    

   

 

 

 

 

 

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