Trauern um zu leben

Angela, die Vermieterin hat uns im Vorab per Mail informiert, dass im Künstler Resort in dem wir ein Familienzimmer gebucht haben, bei unserer Ankunft eine Trauerfeier abgehalten wird. Es schien mir ein wenig seltsam, dass an einem Ort, der Ateliers und Touristenzimmer vermietet, Zeremonien abgehalten werden. Doch da wir mit Trauer und Tod keine Berührungsängste habe, hatte Angelas Information keinen Einfluss auf unsere Buchung. Wir haben weiter erfahren, dass der Verstorbene ein 28-jähriger Mann war, der an einer Anschwellung im Hirn im Schlaf gestorben ist. Er war ein sehr beliebter Nachbar, sein Tod habe grosse Bestürzung bei allen ausgelöst, wie Angela ausführte. 

 

Wir wurden von Angelas Mutter freundlich empfangen und unserem Zimmer zugewiesen. Dies befindet sich in einer Holzlodge an erhöhter Lage an der oberen Tangente einer grossen Anlage, die vor ein paar Jahren liebevoll auf dem Gelände einer ausgedienten, verfallenen Sägerei errichtet wurde. Unzählige massive Holzbauten und Ateliers sind mit einem langen Holzsteg, der durch das Gelände führt, verbunden. Das Cedar Art Resort liegt mitten im Busch in einem kleinen Waldstück bei Calliope unmittelbar neben dem Bruce Highway. Am unteren Ende der Anlage steht eine offene konfessionsneutrale Buschkapelle. Der offene Holzbau thront wie ein stolzes Schiff auf der Waldlichtung und übt eine faszinierende Anziehungskraft aus. Es wunderte mich beim Augenschein bei Tageslicht nicht, dass dieser Ort für Hochzeiten und eben auch Trauerfeiern rege genutzt wird. 

 

Es war bereits Nacht bei unserer Ankunft. Auf dem offenen Gelände rund um die Kapelle brannten unzählige Feuer in ausgedienten Fässern. Ein Beamer projizierte von den Angehörigen zusammengetragene Lichtbilder des Gegangenen auf eine grosse Leinwand. Dazu ertönte laute Rockmusik aus Boxen. Musik, die vermutlich der Verstorbene gerne hörte. Die Angehörigen, die um den jungen Mann trauerten standen mit Bier in der Hand um die Feuer, wippten zur Musik, versanken in Schweigen oder tauschten sich rege aus. Einige weinten, eine Frau stiess ein paar Wehklagen aus, einige betrachteten stumm die Bilder auf der Leinwand, einige lachten laut – vielleicht über eine witzige gemeinsame Anekdote mit dem Verstorbenen. 

 

„Du Mama, warum feiern die, wenn sie eigentlich traurig sein müssten“, fragte mich einer der Söhne. 

 

Seine Frage berührte mich, ebenso die Ambiente. Gibt es ein richtig und falsch beim Trauern? Ich sagte meinem Sohn, dass jeder Mensch eine andere Art hat, mit dem Tod umzugehen und dass dieses Feuer in freier Natur eigentlich ein guter Rahmen für alle Bedürfnisse bot. Ein Trauerfeuer. Feuer ist Transformation. Es ist ein durchs Feuer des Schmerzes gehen. Jeder kann nach seinem Naturell Abschied nehmen und ist dennoch nicht allein. Reden, still sein, tanzen, ein Ritual machen, weinen, laut aufschreien, sich betrinken (als temporäre Strategie....), alles sind Möglichkeiten, mit dem Unabwendbaren umzugehen. Alles, was einem hilft, mit den Emotionen in Kontakt zu kommen, hält lebendig und ist ein Weg, für das Danach mit dem Fehlenden weiterzugehen. Trauern um einen Verlust und ist des Lebens wichtig. 

Die zwanzigjährige Renée die bei der Bewirtschaftung der Anlage hilft, hat uns am nächsten Tag zu den Alpakas geführt. Beim Füttern der Tiere fanden wir uns plötzlich in ein tiefes Gespräch versunken. Vielleicht hat die Trauerfeier den Boden dafür gelegt, vielleicht stimmte die Chemie einfach, vielleicht weil ich meine gleichaltrige Tochter zu Hause vermisse - Renée hat uns erzählt, dass Ihr älterer Bruder vor zwei Jahren Selbstmord begangen hat. Das lastet schwer auf ihrer achtköpfigen Familie, die seit dem Tod des Bruders taumelt. Die junge Frau nennt es ihr Glück, dass sie im Resort bei Angela Unterschlupf und Perspektiven gefunden hat. 

 

Wir tauschen uns lange über Tod und Lebenssinn aus. Renée erzählt, dass in Australien Selbstmord durch alles Altersschichten weit verbreitet sei. Die Menschen würden die falsche Entscheidung treffen, meint Renée. Diese hätten nicht richtig gelernt, sich für das Leben zu entscheiden, wie mit Hürden und Herausforderungen umzugehen sei. Es gibt unzählige Gründe, die Menschen zum Suizid führen: lange Arbeitslosigkeit, Scheidung, Krankheit, Sinnlosigkeit, Geldschwierigkeiten, unerfüllte Liebe, Perspektivlosigkeit. Sie seien dem Irrtum verfallen, dass der Tod die bessere Alternative sei, fügt Renée an. 

 

Ich fand diese Einsichten erstaunlich reif für eine so junge Frau. Andererseits auch wieder nicht bei ihrer Geschichte. Mich führte ihre Aussage dazu, den Gedanken weiterzuspinnen. Kann es sein, dass manche Menschen, diejenige, die eine Todessehnsucht haben, nicht gelernt haben zu trauern, etwas Unerfülltes, ein Verlust richtig tief zu beweinen, sich leer zu weinen? Es sind ja nicht nur Menschen, die wir loslassen müssen, sondern auch Orte, Träume und Lebensabschnitte. 

Es haben sich in meinem Leben ein paar Entwürfe nicht umgesetzt - das Leben hat meine Pläne verworfen und anders für mich entschieden. Ich hatte mir einst gewünscht mit meinem Mann die Erziehung der Kinder und die Erwerbsarbeit zu teilen. Ich hatte mir einst gewünscht dort, wo ich wo ich lebe, meine beruflichen Ressourcen einbringen zu können. Ich hatte mir einst gewünscht, in Australien zu wohnen und zu arbeiten. Es hat sich nicht erfüllt und ich lasse es jetzt ziehen. 

 

Ich habe mit mir in diesen Wochen des Unterwegsseins eine Bestandsaufnahme „des Unerfüllten“ gemacht. Das tönt auf den ersten Anschein wie ein Wühlen im Scheitern. Doch ich betrachte es als eine nüchterne Bilanz. Alles, was als Idee erschaffen, sich nicht realisiert hat, bleibt energetisch in irgendeiner Form an einem haften und blockiert das Vorwärtskommen. Man muss Luftschlösser auf die Erde bringen oder loslassen um frei zu werden. Etwas bedauern und beweinen, dass nicht mehr bleiben will, befreit und schafft Raum für Neues und öffnet die Augen für das GELINGEN und das GLÜCK. Trauern ist ein Integrieren des Verlustes als ein Teil, der zur Biographie gehört. Und es ist gleichzeitig ein Ja zum Leben, ein Ja zu neuen Schöpfungen und Möglichkeiten, die noch nicht empfangen und nicht geschaffen sind.

Aktuelles


 

TRUDE 

 

* LESUNGEN WIEN

Freitag, 23. November 2018, 18.30 Uhr

Salon Gustl im GUSTL KOCHT, Erdbergstrasse 21, A-1030 Wien

 

Samstag, 24. November 2018, 18.30 Uhr

Fahrschule Liesing, Breitenfurterstrasse 334, A-1230 Wien

 

 

AMBER  

 

BUCHVERNISSAGE 

Freitag, 14. Dezember 2018, 19.30 Uhr 

Buchhandlung Bodan Kreuzlingen, Hauptmasse 35, CH-8280 Kreuzlingen/TG  

Autorinnenlesung, Musikalischer Rahmen: Matthias Rist

 

Mittwoch, 19. Dezember 2018, abends

Bergtrotte Osterfingen, Restaurant 1584, CH-8218 Osterfingen/SH

Autorinnenlesung, Musikalischer Rahmen: Matthias Rist

 

 

  

 

* TRUDE * ESMERALDA und mein KIND IST EIN EINHORN 

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