Unter Locals (Einheimischen)

Unter Locals (Einheimischen) 

Alle unsere Unterkünfte haben wir über Airbnb gebucht. Auf der Onlineplattform bieten Privatpersonen einzelne Betten, Zimmer, Wohnungen oder gar ganze Häuser an. Ich bin bekennender Fan von Airbnb, weil wir dadurch immer Menschen vor Ort kennen lernen und sie uns an ihrer Welt teilhaben lassen. Bei der Schlüsselübergabe findet stets ein Schwatz über Wetter und lokale Begebenheiten statt und man prüft bei dieser Gelegenheit gleich, ob man Lust auf Vertiefung der Begegnung hat oder nicht. 

Die letzte Unterkunft in einem vornehmen Vorort von Mackay war eine durchgestylte Wohnung mit Salon, zwei Schlafzimmern, schicken Nasszellen und Dekos. Strandnähe und ein prächtiger Pool toppten alle bisherigen Quartiere. Jetzt haben wir das totale Kontrastprogramm. Wir teilen als Familie ein Schlafzimmer, und alle anderen Räume mit dem Besitzer Allan. Er bewohnt ein schlichtes Haus in erhöhter Lage in einem wiesen- und steppenreichen Tal. Die Zufahrt ist abenteuerlich, steinig, schmal, mit Schlaglöchern bestückt. Der Rundumblick über die Landschaft bis zum Meer ist majestätisch. Und es herrscht totale Stille, wenn die Vögel den Schnabel halten oder kein Kohlegüterzug mit 120 Anhängern durch das Tal rattert. Wann habe ich zum letzten Mal so einen intensiven Nachthimmel gesehen! Weil das Tal spärlich bevölkert und wenig beleuchtet ist, ist Milky Way zum Greifen! Pling pling pling – man kann die Sterne förmlich funkeln hören.

 

Gestern Abend hat uns Allan mit zu Nachbars mitgenommen. In zwei längshalbierten Ölfässern brannten Feuer, um die sich um die zwanzig Bewohner des Tals in Campingstühlen reihten. Claudia, die Gastgeberin, die vor zwanzig Jahren der Liebe wegen in Australien hängen geblieben ist, erklärte in lupenreinem hanseatischen Deutsch, dass sie an der Reihe waren mit dem Bestellen des weihnächtlichen Quartierfestes. Aber sie hätten es auf das (australische) Winterhalbjahr verlegt, weil um Weihnachten immer so viel los war. Claudia erklärte mir, was sich hinter „BYO – Bring your own“ verbirgt und wie australische Feten begangen werden. Jeder Gast bringt seinen eigenen Stuhl, seinen „Eski“ (Kühlbox) mit dem eigenen Getränken. Der Gastgeber ist für Essen, Ambiente und Entertainment zuständig. Brillant war das „Kinderprogramm“. Claudia hat beherzt unsere zurückhaltenden Jungs an die Hand genommen, sie zu ihren Kids geführt, die sich den ganzen Abend rührend um sie gekümmert haben mit Tischtennis, Spielen, Soccergames am TV schauen. Sprachhürden? Kein Thema! Unsere Boys, die sich sonst immer eher zurückhalten mit ihren Englischkenntnissen haben sich ohne sichtbare Anstrengung durch den Abend gequasselt. 

 

In dieser Zeit hatten wir Eltern mal ausgiebig Gelegenheit, mit Ortsansässigen zu reden. Ich mag es, den Menschen einfach zuzuhören. Jeder hat eine Geschichte zu erzählen und ich finde es spannend die Welt mit anderen Augen zu betrachten, auch wenn ich nicht immer derselben Ansicht bin. Die Region um Mackay lebt von Zuckerrohr und von Kohleabbau. Eine Mine wurde kürzlich geschlossen, weil die Preise auf dem Weltmarkt eingebrochen sind und sie nicht mehr rentierte. Viele Leute stehen jetzt auf der Strasse. Ein Sohn der Familie verpflichtet sich für 13 Jahre bei der Army, weil die ihm ein Studium finanziert und er so den Eltern nicht auf der Tasche liegen muss. Er wollte Helikopterpilot werden und liebte Waffen. 

 

Zum Essen gab es Gulasch, Fleischgulasch. Ganz eindeutig ist eine fleischlose Mahlzeit in diesem Tal der Arbeiter, Farmer und Jäger kein Thema. Vegetarier sehen sich an konservativen Fleisch-/Wurstanlässen immer wieder vor der Herausforderung, einen gangbaren Weg zwischen Hunger, Höflichkeit, Auswahl und innerer Ethik zu finden. Ich beschloss dieses Mal, die freundlichen Gastgeber nicht zu brüskieren, eine Portion Fleisch würde mir vielleicht mal wieder gut tun und bestimmt nichts anhaben. Die Fleischbrocken aus der Sosse zu picken machte irgendwie auch keinen Sinn. Das tote Tier hatte stundenlang darin gegart und war bereits nahtlos in den Sud übergegangen. Ich schöpfte mir ein Schälchen voll und ass. Ich verbat es mir nachzudenken. Zum Nachtisch gab es Apfelstrudel. Wenn ich es vorher gewusst hätte, wäre ich direkt zum Dessert übergegangen. 

 

Der Abend war erbauend, spannend, herzlich, unterhaltsam. Wir waren die exotischen Schweizer – sie für uns die exotischen Australier. Wir haben uns gegenseitig beschnuppert wie Hunde, im Wissen, dass wir uns nie wieder sehen werden und dennoch etwas mehr über das Land und eine Spur mehr Verständnis für die Weltsicht des andern bekommen zu haben. 

Das Gulasch hat auch Spuren hinterlassen. Ich möchte jetzt nicht auf Details eingehen. Aber mir ging es anderntags recht übel, weswegen ich wohlweisslich auf den Bootsausflug verzichtet habe. Bis die Männer vom Whale watching zurückkehrten, hatte sich mein Körper entleert. Zum Glück, denn am Nachmittag besuchten wir einen Anlass, den ich mir auf keinen Fall entgehen lassen wollte und auf den ich mich schon lange gefreut habe: ein Rugby Spiel. Das hatten wir noch nie live gesehen und weil es mit zur australischen Kultur gehört, wollten wir es den Jungs näher bringen. 

 

Wir haben ein League Spiel in einer kleinen lokalen Sportarena gewählt. Mit Bier oder Fanta in der Hand haben wir uns mitten unter die Fans, Familien, Kollegen, Clubmitglieder gemischt und so getan, als gehörten wir dazu. So verbringen viele Aussie Familien ihre Sonntage; am Spielrand eines Rugby Spiels. Nicht viel anders, als wenn der FC Münsterlingen gegen Calcio antreten würde und die Angehörigen am Spielrand die Spieler anfeuerten.

Ich wollte so nahe wie möglich am Feld sitzen und zuschauen, wie die Fleischkolosse aufeinander zu preschten, sich ineinander verkeilten und versuchten den ovalen Ball an sich zu reissen. Ein Rugbyspieler muss Kraft, Geschwindigkeit, Geschicklichkeit, Ausdauer und Fairplay besitzen. Das Spiel ist roh, hat noch etwas Wildes an sich, was anderen Sportarten abgeht. Vielleicht ist es dieser ungezähmte Anteil, der aus den Männern herausbricht, wenn sie wie Bullen auf den Gegner mit dem Ball in der Hand losgehen, was mich verzückt. In unserer züchtigen Krawattenmännergesellschaft finde ich es eine Wohltat zu sehen, welche Kräfte verborgen sind und entfesselt werden wollen. Weder kleine noch ausgewachsene Jungs sind dazu gemacht tagelang in Autos, Schulbänken oder Bürostühlen stillzusitzen. 

 

Mit drei Männern unterwegs weiss ich, wovon ich rede.

Aktuelles


 

TRUDE 

 

* LESUNGEN WIEN

Freitag, 23. November 2018, 18.30 Uhr

Salon Gustl im GUSTL KOCHT, Erdbergstrasse 21, A-1030 Wien

 

Samstag, 24. November 2018, 18.30 Uhr

Fahrschule Liesing, Breitenfurterstrasse 334, A-1230 Wien

 

 

AMBER  

 

BUCHVERNISSAGE 

Freitag, 14. Dezember 2018, 19.30 Uhr 

Buchhandlung Bodan Kreuzlingen, Hauptmasse 35, CH-8280 Kreuzlingen/TG  

Autorinnenlesung, Musikalischer Rahmen: Matthias Rist

 

Mittwoch, 19. Dezember 2018, abends

Bergtrotte Osterfingen, Restaurant 1584, CH-8218 Osterfingen/SH

Autorinnenlesung, Musikalischer Rahmen: Matthias Rist

 

 

  

 

* TRUDE * ESMERALDA und mein KIND IST EIN EINHORN 

sind ab sofort als E-Book erhältlich