Moderne Nomaden und Mystiker

Nomaden und Mystiker

 

Sechs Stunden Autofahrt für einen Glimpse (Augenzwinker) in eine andere Welt scheint ein Verhältnisblödsinn. Doch es war es wert! Ich bin mit der bewährten Touragentur zum Kakadu Nationalpark. Es hat einfach alles gepasst.

 

Gruppenreisen sind ein Glücksspiel. Man weiss nie genau, wer die Reisegefährten sind. Die zehn Personen, mit denen ich gestern unterwegs war gehörten zu der angenehmen Sorte. Es gibt Menschen, mit denen man sich ohne Worte wohl fühlt, es nichts zu klären braucht und man sich entspannen kann. Dann gibt halt auch die anderen, die laut aufgedrehten, die Schwätzer und Aufschneider derer Aufdringlichkeit man sich immer etwas erwehren muss. Dies kann über eine Tageslänge hinaus sehr anstrengend sein.

 

Im Kakadugrüppchen waren Rentner, die dem kalten Winter im australischen Süden entflohen, ein Elternpaar, das ihren Sohn in der Army besuchte und eine brasilianische Architektur-Studentin. Der Fahrer Paul war auch zugleich unser Führer. Was mich auf den ersten Blick irritierte, weil es nicht einem Bild eines klassischen Tour Guides entsprach war, das Paul geschätzte fünfzig Kilo zuviel für seine Gesundheit mit sich durch die Gegend trägt. Paul führte uns souverän durch den Tag. Wachsam und präsent hielt er uns wie Schäfchen in dem weitläufigen Gelände zusammen und liess uns an seinem grossen Wissen teilhaben.

 

Man macht das einfach nicht, geradeheraus zu fragen, warum jemand augenscheinlich extremes Übergewicht hat und es hatte ja in keiner Weise einen Einfluss auf Pauls Kompetenzen. So hing ich während der langen Autofahrt meinen eigenen Gedanken über meine Erfahrung mit Fülle nach. In meiner Jugend hatte ich dreissig Kilo mehr auf den Rippen. Ich erkläre es mir heute so: Psyche, Geist und Körper haben ein hochkomplexes Zusammenspiel und vermute, dass die Polster eine Strategie meines Systems war, meinen verletzlichen Kern zu schützen. Weder früher noch heute kann ich Ungerechtigkeit, Dogmen und Machtmissbrauch etwas abgewinnen. Je mehr mich das Leben gelehrt hat, mich bei Übergriffen zu behaupten, desto mehr sind meine „Stossdämpfer“ über die Jahre hinweg wie von selbst weggeschmolzen. Heute habe ich das Glück, mit einer Familie und Freunden, einen sozialen Hafen zu haben, bei denen ich nach einem Kampf mit tobenden Stürmen auf offener See zurückkehren kann, um Wunden zu lecken und das Schiff wieder klar zu machen.

 

Das Leben ist roh. Das Leben ist mystisch. Irgendwo in dem Feld des nackten Überlebens, verstrickt und gehalten in einem Netzwerk und im Eingebettetsein im Übersinnlichen bewegen wir uns. Täglich und jeden Augenblick. Und wir sind mehr als Körper.

 

Der Kakadu Nationalpark liegt an der Grenze zu Arnhemland, dem von Aborigines autonom verwalteten Territorium. Arnhemland tönt in meinen Ohren wie Nirwana – das verheissene Land, das erst nach erfüllter Mission, nach langer Lebensreise betreten werden darf. Ich wurde von einer höheren Dimension erfasst, als ich durch das Gelände wandelte. Es sind mehr als nur Felsbrocken, ein paar Bäume und etwas Felsmalerei. Es ist zu vermessen zu behaupten, ich hätte innerhalb der paar Stunden die Kultur und Mystik der Aborigines verstanden. Aber ich habe das, was die Ureinwohner als heilige Stätte bezeichnen als einen beseelten Raum erlebt. Paul lotste uns achtsam um und auf die Felsformationen. Es wurde sehr still in mir. Auf dem Ubirr Felsen, die Weite über das saftige Nadab Sumpfgebiet schweifend, kam ich dem Himmel und mir selber ein wesentliches Stück näher.

 

Ein Aborigines der Guluyambi tuckerte später mit uns auf einem Böötli auf dem East Alligator River, der von tausend Krokodilen bevölkert ist, der Grenze zu Arnhem Land entlang. Der trübe Fluss verdankt den Namen einem Forscher der im 18. Jahrhundert vom Mississippi-Delta herreisend Alligatoren und Krokodile nicht unterschieden hat. Der Aborigines Guide war unser Pförtner zu dieser anderen Welt. Seinen Schilderungen entnahmen wir, dass sein Volk die Nachkommen in Staatschulen schickten und sie aber auch in ihre alten Traditionen einführten. So lernten Aborigines Kids sowohl sich selber zu versorgen (Speerfischen, Feuer machen, Beeren sammeln, Wallabys jagen usw.), die Traditionen (Songlines/Spuren der Natur und Ahnen lesen, Dialekte der Aborigines, Stammeskultur, Kunst usw.) als auch Englisch, Rechnen, Schreiben und Wissen über die globale Zusammenhänge. Wow, dachte ich - das sind die wahren Nomaden und Mystiker von heute! Die werden es schaffen, eine Brücke zwischen Tradition und Neuzeit zu bauen.

 

Ich betrachte mich als eine „sophisticated nomad“, eine moderne Nomadin, eine Kosmopolitin, eine Reisende zwischen den materiellen und spirituellen Welten und zwischen den Kulturen. Zeitlebens bin ich fasziniert und getrieben davon, zu ergründen, woher wir kommen und wohin es als Menschheit gehen wird. Reisen weitet meinen Verstand, dehnt meinen Geist und vitalisiert mich. Der Job als Hausfrau lähmt, macht mich nach zwanzig Jahren kirre. Ich finde einfach keinen Lebenssinn mehr im Waschen von Fussballtricots. Es ist demütigend in der diplomgeilen Schweiz mit fünfzig* und einem ungeradem Lebenslauf keine Chance mehr zu bekommen. Ich passe nicht in das Schema der Schweizer. Zeitlebens fühle ich mich wie eine „Transe“ im falschen Körper, ich bin vermutlich im falschen Land geboren. Ich bin eine Nomadin. The world is my oyster. Die Welt ist mein Zuhause. (*Mit dem Alter sind aber auch die Australier nicht gnädig.  Ab 45 bekommt ein Ausländer kein Arbeitsvisum mehr!)

 

Ja und jetzt, was mache ich jetzt mit dieser Erkenntnis? Modernes Nomadentum mit Kindern, wie sieht das aus? Was brauchen unsere Jungs, mein grosses Mädel, mein Liebster? Hmh... Irgendwo da draussen ist die Antwort, die ich noch nicht kenne. Ich gehe mal und horche hin. Nomaden wissen wie man Spuren liest, Sterne deutet, auf Zeichen achtet und auf die innere Stimme hört... 

 

 

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NÄCHSTE LESUNGEN TRUDE

* 21.-24. November 2018, Wien

  

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Lesungen können mit und ohne musikalischer Begleitung gebucht werden.

Reportagen und Interviews:  kontakt@rose-marie-gasser-rist.com

 

Verlegerin:

Cornelia Linder

Tel: 0049 - 8053 - 7992952 | Fax: 0049 - 8053 - 7992953 | e-mail: linder@sheema.de 

 

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laufende Buchprojekte: 

 

*AMBER (Band 2 der Bernsteinsaga)

 AMBER ist im Lektorat und wird voraussichtlich an Weihnachten  2018 im Sheema Verlag erscheinen. 

 

* ESMERALDA (autobiographische Erzählung 2014) 

wird neu lektoriert und bei BoD herausgegeben und ist Herbst im Handel erhältlich 

 

*MEIN KIND IST EIN EINHORN - Paralleluniversen des Alltags

die besten und beliebtesten Blogs von 2015-2017. Die Kurzgeschichtensammlung erscheint im Herbst 2018 bei BoD